© Jennifer Walshe
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Jennifer Walshe — XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!!

Modepuppen – von denen Mattels Barbie zu den am weitesten verbreiteten zählt – standen und stehen vielfach im Zentrum des kulturellen Interesses und in der Kritik einer Vielzahl von KommentatorInnen, darunter WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, GesellschaftstheoretikerInnen, SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und FilmemacherInnen. Die Reaktion der meisten Menschen auf diese Puppen ist höchst gespalten – auf Grund ihres zügellosen Materialismus und ihrer unerreichbaren Figur wird Barbie wegen des Einflusses, den ihre Plastik-Formen auf leicht zu beeindruckende junge Mädchen haben, die in einer auf körperliche Schönheit fixierten Kultur aufwachsen, üblicherweise von ihren Kritikern aufs heftigste missbilligt und rundheraus abgelehnt.

Gleichzeitig wird Barbie von ihren Fans als ein potentiell ermächtigendes Rollen-Vorbild für junge Mädchen akklamiert, das Zeit seiner Existenz auf vielerlei Weise Karriere machte – als Lehrerin, Rockstar oder Astronautin; in ihrer jüngsten Inkarnation kümmert sie sich als Kinderärztin um den Nachwuchs ihrer Freunde. Ihre Besitztümer und Erfolge gehen weit über jene ihres Freundes Ken hinaus – selbst in Werbeanzeigen, in denen die beiden gemeinsam in einem von ihren vielen Autos spazieren fahren, ist es immer Barbie, die am Steuer sitzt.

In der Argumentation für oder gegen Barbie geht es zumeist um ihre angeblich negativen bzw. positiven Auswirkungen auf Mädchen und Frauen; allerdings gibt es so gut wie keine Literatur darüber, auf welche Weise mit ihr gespielt wird, welche Rollen sie übernimmt und was für Geschichten und Ereignisse ihr gewöhnlich widerfahren. Wenn kleine Mädchen mit Puppen spielen, wird das traditionell als ein unschuldiger, passiver, femininer Akt gesehen, ohne die Gewalt, die ihre Brüder beim Spielen mit Gewehren und Autos inszenieren. Jedoch ist dieses Spiel meiner Erfahrung nach alles andere als harmlos und passiv.

Bei meiner Arbeit an diesem Stück habe ich viele Mädchen und Frauen interviewt und die Geschichten gesammelt, die sie mit Hilfe dieser Puppen auslebten. In den Handlungsabläufen sind Sex und Gewalt explizit und weit verbreitet. Meist stirbt Barbie eines schrecklichen und schmerzhaften Todes, entweder durch eine andere Puppe oder durch die Hände des Mädchens, das mit ihr spielt – ganz abgesehen von etwaigen sadistischen Brüdern oder Schwestern. Sie erleidet schreckliche Verletzungen durch Folter, im Kampf oder durch Unfälle, was sich noch dadurch verkompliziert, dass „die Ärzte denken, sie würde lügen und sie daher nicht behandeln“. Sie wird schwanger „ohne es zu wissen“ und lässt das Baby nach der Geburt auf dem Küchentisch verrecken, weil „sie tanzen gehen will“; sie umarmt, streichelt und schläft mit einer oder mehreren anderen Puppen, oft gleichzeitig und unter Einwirkung von Gewalt, wenn es sein muss; sie ist bereit, eine andere weibliche Puppe oder ein Tier zu heiraten, wenn keine Männer zur Verfügung stehen; und wenn sie es doch zu einem männlichen Ehepartner bringt, kann es schon sein, dass die Polizei kommt und ihn “tötet, weil er betrunken ist”.

Ihre umfangreiche Garderobe und ihr langes Haar sind gestylt, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen – abgesehen von ihren umfangreichen Hochzeitsgewändern und schicken modischen Ensembles kann sie sich auch als Mann verkleiden, indem sie einfach das Haar zurückbindet oder einen Anzug trägt; sie kann als religiöse Ikone wie beispielsweise als Jungfrau Maria auftreten; man kann ihr den Kopf abreißen, die Finger abschneiden, Gliedmaßen entfernen oder ihrem Körper Genitalien und Brustwarzen  aufmalen.

Kurz gesagt: viele Mädchen bedienen sich der Barbiepuppe zu ihren eigenen Zwecken – sie dient ihnen als sichere Projektionsflächen für ihre Fantasie. Sie übernimmt Rollen in den unterschiedlichsten Szenarien und probiert Ideen und Emotionen aus, die die Mädchen möglicherweise nicht verstehen oder mit denen sie selbst keine Erfahrungen gemacht haben. Barbie ist eine leere Plastik-Leinwand mit einem permanenten Lächeln, auf die kleine Mädchen viele unterschiedliche Dinge projizieren können – unschuldige bis hin zu verstörenden. Zuletzt erübrigen sich Werturteile über Barbie; viel wichtiger ist, wie sie als Spielzeugt funktioniert; wie die Kinder mit ihr umgehen, wenn sie mit ihr spielen, wie sie zu einem Objektiv wird, durch das menschliche Erfahrung betrachtet werden kann.

Das Libretto von XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!! geht von der These von Aristophanes’ Lysistrata aus und folgt drei Frauen und ihren Freunden durch eine tragische Geschichte. Es untermauert die Struktur der Oper – die Puppenspieler führen die Marionetten Wort für Wort durch die Geschichte, wie in einem Schauspiel.

Die Musik begleitet den Fluss der Handlung und die Aktivitäten der Puppen, entweder indem sie ganz konkret mit den Worten des Textes in Verbindung tritt oder indem sie Bedeutungsebenen abseits des Librettos eröffnet. Die Solisten agieren nicht wie traditionelle Opernsänger – ihre Identität ist fließend; sie können mehrere Charaktere oder gar keine konkrete Person verkörpern; sie singen, schreien, sprechen, atmen und flüstern den Text und erzeugen wortlose Geräusche. Auch die Musiker wechseln ihren Aktionsmodus während des Stücks; sie spielen nicht nur ihre Instrumente, sondern vokalisieren dazu; begleitet von Gestik kommentieren sie die Handlung so, wie sie sie verstehen. Das technische und musikalische Instrumentarium des Stücks ist für das Publikum sichtbar – Puppen, Puppenspieler, Kameraleute, Sänger und Musiker agieren ganz offen auf der Bühne. Wie jeder einzelne Besucher das Stück versteht, hängt letztlich von der Interaktion zwischen all diesen unterschiedlichen Elementen ab.
—Jennifer Walshe, 2017

6 März 2018
20.30 Uhr
Grenoble, MC2:, Auditorium Musique et amour(s) UA

Iannis Xenakis — Psappha
Bernhard Gander — Call me: 0666/666 666 UA
Jennifer Walshe — XXX_LIVE_NUDE_GIRLS!!!

Szenische Realisierung: Kabinetttheater
Leitung: Julia Reichert
PuppenspielerInnen: Katarina Csanyiova, Tanja Ghetta, Walter Kukla
Bühnenbild/Figuren: Maxe Mackinger, Julia Reichert
Kostüm: Burgis Paier
Video: Nicole Aebersold

Technik: Jan Wielander

Andreas Fischer, Bass
Jennifer Walshe, Juliet Fraser, Stimme
Björn Wilker, Schlagwerk
Dirigent: Brad Lubman

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