Jean-Luc Plouvier und Gerd Van Looy vom Ictus Ensemble © Frédéric Pauwels
Jean-Luc Plouvier und Gerd Van Looy vom Ictus Ensemble © Frédéric Pauwels

Gerd van Looy — Der Beobachter ist Teil der Erfahrung (Ein kurzes Selbstporträt)

Ictus, ein Ensemble, das Neue Musik aufführt, agiert im Schatten der klassischen Musikszene. Heute befinden wir uns allerdings in einer Situation, in der die vorherrschenden Produktionsmethoden in diesem Bereich zusehends in Konflikt mit unseren künstlerischen Ambitionen geraten. Die vorhandene Infrastruktur, die mit ihr zusammenhängende finanzielle Lage und die politische und künstlerische Agenda vieler Häuser stehen unserem Bedürfnis nach alternativen Arbeitsprozessen, die in unvorhergesehene Formate münden können, und einer sorgfältig abgestimmten Kommunikation bzw. einer speziellen Rezeptionshaltung des Publikums bedürfen, sehr häufig entgegen.

Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts und parallel zu Entwicklung des Internets mit der ihm eigenen Kultur des Austausches unter Gleichberechtigten, hat für „Neue Musik“ ein neues Zeitalter begonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich innerhalb von klar definierten und seit etwa zwei Jahrhunderten gültigen Rollenzuweisungen für Komponisten, Musiker, Publikum, Solisten oder Dirigenten bewegt. Natürlich – die Ensembles haben sich zusehends spezialisiert, sie wurden flexibler, was andersgeartete Methoden der Arbeit, des Spiels und der Präsentation betrafen, wie der Rekurs auf das Wort als Mittel zur Partizipation und zur Erschließung größerer transkultureller oder thematischer Reichweiten illustriert, oder nette Ideen, wie beispielsweise ein DJ um 23:00 oder die Intervention mittels Smartphone; aber die Hierarchie, die Organisation der Arbeit, die künstlerische Verantwortung des präsentierten Werks finden sich im selben Bereich, den auch die klassische Musik mit ihrem künstlerischen Kanon seit dem 19. Jahrhundert bewohnt. Modern oder klassisch, original oder altmodisch, vulgär oder inspiriert und herausragend – die Hochkultur hat seit jeher ihr eigenes, nicht enden wollendes Spiel mit dieser Art von Polarisierung getrieben. 

Diese Aufgabenverteilung geht Hand in Hand mit einem ganzen „Ökosystem” an Regeln und Einschränkungen. „Neue Musik“ sah sich immer mehr dazu gezwungen, sich anzupassen oder zu emigrieren und in anders geartete Spielstätten oder eine Handvoll schräger Festivals auszuweichen. Die Freiheit, die sie dort genießt, die Offenheit des Publikums, die technischen Möglichkeiten der Verstärkung und Beleuchtung, die Aufmerksamkeit, die nicht ad hoc offensichtlichen Inhalten und ihrer Kommunikation geschenkt wurde, sowie die Ergebnisse längerer Arbeitsprozesse haben zum Entstehen einer Neue-Musik-Szene beigetragen, die sich vom Bereich der klassischen Musik entfernt hat.

Das hat dazu geführt, dass unsere Programme sich besser für unsere Kollegen in der darstellenden und bildenden Kunst und für Spezialfestivals eignen, und nur unter größten Schwierigkeiten im modus operandi der klassischen Konzerthäuser umgesetzt werden können. Es ist scheint’s immer noch peinlich, zugeben zu müssen, dass es sich bei Musik – auch – um eine Form der darstellenden Kunst handelt, da diese simple Tatsache offenbar zu weitreichende Konsequenzen nach sich zieht. Es ist en vogue, Tanz mit Live-Musik zu präsentieren; aber es ist nach wie vor in den meisten Konzerthäusern problematisch, Musik innerhalb eines Tanzstücks oder – schlimmer noch – mit sich bewegenden Musikern aufzuführen.

Diese Veränderung wird ausführlich, wenngleich in unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Form, in den theoretischen Beiträgen zur Rolle der Neuen Musik innerhalb der Gesellschaft und zur Rolle des Interpreten/Komponisten/Autors beschrieben – wie z.B. in den Werke von Harry Lehman, Alessandro Barrico, Jennifer Walshe, Paul Craenen und Micha Hamel. Versuchen wir also, zu verdeutlichen, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf unsere tägliche Erfahrung hat – und wie sie sich mit unserer täglichen Praxis verbindet.

Der dreifache Knoten

Die Sache ist heikel: wir können den heutigen Komponisten ihre künstlerischen Versuche nicht absprechen – schon gar nicht in einer musikalischen Welt, in der so viele „nicht notierbare Objekte“ den Anspruch darauf erheben, musikalische Objekte zu sein: Geräusche, elektronische Klänge, das gesprochene Wort, „unkonventionelle“ Instrumente, die aus „niedergeschriebener Musik“ ein neues Spiel ohne Regel machen, oder ein neues Spiel auf der Suche nach seinen eigenen Gesetzen. Wir wollen das niemandem verwehren, jedoch diesen neuen „Knoten“, diese „verflochtene“ Situation hervorheben, in der die Kunst der „Wiedergabe von Neuer Musik“ auf innovative Weise neu verteilt wird, in der die neue Praxis eines jeden Partners die Praxis des gesamten Feldes verändert.  

a. KOMPONISTEN – Die KomponistInnen befinden sich größtenteils in einem Übergangsprozess, in dem das „Schreiben eines Stückes“ zusehends vom „Notieren einer musikalischen Situation“ abgelöst wird. Der Begriff „Situation“ beinhaltet den Raum, Visuals, konzeptionelle Überlegungen, soziale Praktiken und selbst, warum auch nicht, das Erstellen eines Budgets. Und speziell zur Realisierung solcher „Situationen“ wurden andere Produktionsformate entwickelt.

Wir erteilten Christophe Guiraud den Auftrag für einen Abend zum Thema “ars subtilior“. In enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble komponierte er ein Stück für drei Bühnen – Streichtrio, Flötentrio und Raum für einen Synthesizer wurden von Anfang an polyphon, polyrhythmisch und… „polytopisch“ konzipiert.
Letztes Jahr lud Martin Schüttler uns in Donaueschingen zu einem noch radikaleren Erlebnis ein: Angefangen von seinen ersten Gesprächen mit den Musikern bis zu ihrem Auftritt in seltsamen Peep-Show-Lokalen am Tag des Konzerts, notierte er den gesamten Arbeitsprozess mit allen Details – wenngleich die Musik teilweise improvisiert wurde.

b. PUBLIKUM – Das Publikum für Neue Musik ist so gut wie tot; während das Publikum für „alternative Musik“ auf der Suche nach neuen Formen musikalischer oder klanglicher Schönheit kontinuierlich anwächst. Dieses äußerst heterogene Publikum ist – ohne jede Befangenheit – empfänglich für eine große Bandbreite an Praktiken des Hörens: strukturelle Aufmerksamkeit, immersives, tiefgehendes Hören, frei schwebende Aufmerksamkeit gegenüber improvisierten Texturen, physikalische Erlebnisse, eine Haltung des Hinein- und Hinausgehens, wie in einem Museum, und viele andere mehr. Sein geistiger Raum ist heutzutage „ex-zentrisch“ und verändert das globale Konzept des musikalischen Raums.

Seit mehr als 10 Jahren erforscht Ictus in den mit mehrfachen Bühnen ausgestatteten „Liquid Rooms“ diesen neuen imaginären Raum der Wahrnehmung. Absichtslos begibt das Publikum sich in die räumliche Codierung eines Rock-Konzerts, in eine szenografische Sprache, die mehr mit darstellender Kunst zu tun hat – in ein Konzert, das zugleich zu einer Art Mini-Festival mutiert.

c. INTERPRETEN – Die Musiker-Interpreten fühlen sich zusehends wohl in einer Rolle, die sich dem Status eines hoch qualifizierten Ausführenden innerhalb eines „Mini-Orchesters“ entzieht. Sie sehen sich häufiger denn je mit neuen Situationen konfrontiert – sie verhandeln mit Toningenieuren und Computerfachleuten, beteiligen sich an deren Aufgaben, indem sie Meisterwerke neuer Musik aus einer historischen und bisweilen kreativen Sicht betrachten; und sie stellen Probengewohnheiten, Bühnensituationen oder ihre Verteilung im Konzertsaal in Frage. „Ent-spezialisie-rung“ ist zum zentralen Begriff geworden: mit all ihrer musikalischen Erfahrung lassen sich die Interpreten auf neue Bereiche des Spielens, der Kontrolle und der Bewegung ein, indem sie kreativ über den Bereich des ihnen vertrauten Instruments hinausgehen.

Kasper Toeplitz hat uns bereits vorgewarnt, dass die Partitur, die er für ein neues Projekt mit Ictus vorbereitet, keine spezifischen Instrumente verlangt. „Das ist euer Problem; so wie ihr die Farbe eurer Socken auswählt“, meinte er. Eine Gelegenheit für den Cellisten, die neue Software „Max“ zu studieren, für den Pianisten, eine Lyra zu kaufen – und so fort.

Wir betrachten die drei Themenbereiche: “Komponisten sehen Partituren in einem neuen Licht“ + „das Publikum macht Erfahrung in einem neuen Raum“ + „Musiker machen Erfahrungen mit neuen Aufgaben“ nicht als drei parallele Tatsachenbereiche, sondern als einen Knoten mit einer Reihe von unerwarteten Interaktionen. Einen Knoten, den wir als „neues Paradigma“ bezeichnen könnten – der Ausbruch aus dem modernen Raum und das Ende der Entwicklung von „geschriebener“ Musik, wie wir sie bisher kannten. An diesem Punkt können wir sagen, dass „Neue“ Musik aufgehört hat, „modern“ zu sein und in das „gegenwärtige Zeitalter“ eintritt.

Aber – und das ist das Faszinierende daran: dieser Knoten lädt uns zwingend dazu ein, uns erneut mit unseren historischen Wurzeln zu verbinden. Wir müssen auch zugeben, dass eine „musikalische Situation zu notieren“ durchaus vereinbar ist mit den musikalischen Konzepten eines Wagner oder Cage. „Die Erfahrung von Musik als einem komplexen Raum“ findet seinen Widerhall in Nonos und Stockhausens musikalischen Ideen; den Künstler zu „ent-spezialisieren“ steht im Einklang mit allen Bereichen des Zeitgenössischen, sei es das Theater, das Kino oder die darstellende Kunst – bislang jedoch mit Ausnahme der Musik. Das bedeutet, dass der Ausbruch aus dem „Zeitalter der Moderne“ auch verstanden werden kann als die Erkenntnis und Verwirklichung einer Modernität, die unsere bisherige Praxis auf herausfordernde Weise mit einer neuen Dynamik verknüpft. Und daraus ergibt sich ein spannendes Paradoxon – ein Feld neuer Möglichkeiten für Ictus und seine Komplizen, ohne genau zu wissen, wohin das alles führen wird; ein offenes Feld, das wir gerade erst begonnen haben, zu erforschen, ein Spielplatz, dessen volles Potential erst entdeckt werden muss.
—Gerd Van Looy, 2018


Gerd Van Looy ist General Manager des Ictus Ensembles Brüssel. Als Verantwortlicher für verschiedenste Aufgaben im Bereich der Produktion, Programmierung und Koordination, hat er sowohl mit traditionellen Institutionen, als auch mit Organisatoren von Events sowie mit Tanz-Kompanien zusammengearbeitet, darunter mit dem Bozar Brüssel; Brügge – europäische Kulturhauptstadt; Dance Compagnie Ultima Vez und Les Ballets C de la B.

 in Features
Top