Enno Poppe © Harald Hoffmann
© Harald Hoffmann

Enno Poppe — Die etablierten und die neuen Ensembles

Die großen Ensembles, wie sie seit dem Ende der 1960er Jahre in Europa entstanden sind, sind unersetzlich und notwendig. Neue Ensembles gründen sich, um Neues zu erfinden, nicht um die existierenden Klangkörper zu ersetzen.

Junge Komponisten brauchen junge Musiker. Die Zusammenarbeit mit Musikern, die ihrer Elterngeneration angehören, ist gut, wichtig und lehrreich. Trotzdem können Komponisten mit Gleichaltrigen andere, tiefere Erfahrungen machen. Musiker, die selbst auf der Suche sind, sind viel eher Teil eines Forschungsprozesses. Komponieren ist mehr als das Anwenden von Dingen, die man lernt oder gezeigt bekommt.

Beispiel: bei einem Stück, bei dem definitiv über 50 % unspielbar war, haben die Musiker des Klangforums teilweise extrem schön klingende Dinge gespielt, ohne den Komponisten wirklich darüber aufzuklären, was sie gerade tun. Das war im Sinne des Konzertes effizient, nicht aber im Sinne eines Prozesses, in dem Musiker und Komponist gemeinsam etwas entwickeln.

Neue Ensembles heute verstehen sich als Bands. Das betrifft Dinge wie Auftritt, Repertoire, Licht, Sound, Konzeption der Konzerte, Tourplanung usw. Klar ist, dass viele dieser neuen Ensembles extrem spezialisiert sind und nur ein winziges Repertoire haben, das sie dann aber perfekt beherrschen.

Vorteil der etablierten Ensembles: sie sind Allrounder, die auch Debussy und Schönberg spielen können.

Nachteil der etablierten Ensembles: sie gehören vom Habitus, Konzertform, Auftrittsort, Organisationsform usw. zur Hochkultur, sind philharmonisch. Die mangelnde Akzeptanz von Neuer Musik ist aber heute genau darin begründet: nicht die Kakophonie ist das Problem, sondern das bildungsbürgerliche Ambiente. Auch wenn wir es für Mozart und Schönberg brauchen: das Ambiente ist eben kein Allrounder. Der Mozartsaal im Wiener Konzerthaus klingt immer schlecht, wenn ein Lautsprecher benutzt wird.

Technik: für junge Komponisten ist Musik ohne Elektronik unvorstellbar. Für einen Musiker, der neue Musik spielt, ist das Interesse an, aber auch die Kenntnis von den technischen Möglichkeiten unverzichtbar. Es ist nicht möglich, das zu delegieren. Ein Keyboardspieler, der zum Klangregisseur sagt: „mach du meine Dynamik, mir ist es egal“ handelt unverantwortlich. Das Mikrophon ist Teil des Instrumentariums, für das der Spieler selbst verantwortlich ist.

Die Frage für ein auf Gegenwartsmusik spezialisiertes Ensemble lautet nicht: warum muss man verstärken oder mit Elektronik arbeiten, sondern: wie können wir dieses Selbstverständliche für uns nutzbar machen, ohne unseren spezifischen Charakter zu verlieren.

Ganz klar: viele neue Stücke brauchen die Virtuosität und Subtilität der etablierten Ensembles gerade nicht. Ich sehe darin eine bewusste Nichtbeachtung eines gesetzten Standards. Viele Komponisten wollen sich immer gegen das Etablierte stellen. Andererseits gibt es aber für kein Ensemble die Notwendigkeit, alles zu machen.
—Enno Poppe, 2018

Enno Poppe ist Komponist und Dirigent. Seit 1998 leitet er das ensemble mosaik.

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