© Klaus Lang
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Klaus Lang — der pythagoräische fächer.

Was ist eine Quinte?


Wir können eine physikalische Definition von Intervallen geben, wir können eine musiktheoretische Definition geben, aber dabei beantworten wir die eigentlich zentrale Frage überhaupt nicht: Wie klingt eine Quinte, oder allgemeiner: Wie klingen Intervalle?

In Jahrhunderten von Musikgeschichte haben wir kein Vokabular entwickelt, um Klänge sprachlich fassen zu können. Unsere Musikwissenschaft, Kompositionslehre und vor allem Notationstechnik hat sich in der pythagoräischen Tradition stehend immer auf die in Zahlen ausdrückbaren Tonhöhen und Rhythmen konzentriert. Doch ist gerade das, jenseits des auf diese Art Darstellbaren gelegene, hörende Erforschen von Klang Gegenstand von vielen meiner Arbeiten. Wie eine kontrapunktische Komposition des 16. Jahrhunderts ein gegebenes Thema dreht und wendet und dehnt und staucht, so unterziehe ich Klang verschiedenen kompositorischen Verfahren und setze klangliche Strukturen in verschiedene Zusammenhänge, mit dem Ziel, Klang eingehend betrachten zu können.

Mein Material sind dabei nicht die traditionellen acht mittelalterlichen Modi, sondern ich schöpfe aus der Fülle aller möglichen Klänge, vom weißen Rauschen bis zum Sinuston. Auch meine Mittel und Methoden sind nicht die kontrapunktischen Regeln vergangener Jahrhunderte, sondern von mir neu entwickelte Ordnungsmodelle und Regelsysteme. Diese kompositorischen Techniken und Regeln grenzen ein, fokussieren und führen zur Konzentration auf bestimmte Aspekte von Klang und deren vertiefte Wahrnehmung. Erst die Regel macht das Individuelle und Spezifische deutlich erkennbar. Gleichzeitig generieren Regeln musikalische Form, und Form macht Klänge zugänglich und öffnet sie. Kompositorische Technik ist für mich ein Hilfsmittel bei der Suche nach der Schönheit in den Klängen. Es liegt mir fern, mit Hilfe von Klängen etwas sagen zu wollen. Das Ziel der Kompositionstechnik liegt im Gegenteil darin, die Klänge vom Komponisten zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu geben ihre Schönheit zu entfalten.

Klang hat keine ihm innewohnende Bedeutung oder Entwicklungs- oder Richtungstendenz. Bedeutung kommt einzig und allein aus dem definierten System von Verboten und Geboten, das man musikalischen Stil nennt. Musik ist absolut nicht universell: Ein Künstler (oder besser: eine Generation von Künstlern) etabliert in seinen Werken und durch seine Werke ein Regelwerk aus Prinzipien, Verboten, Geboten, entweder intuitiv oder aber, wie fast immer im Falle der Kompositionstechnik, ganz bewusst. Nichtsdestotrotz wurden diese erfundenen Regeln dann üblicherweise als „natürlich“ bezeichnet. Freiheit in der Kunst ist immer relativ zu diesen gesetzten Verboten oder Geboten und wird erst durch diese wahrnehmbar. Freiheit wird erst durch Regelhaftigkeit möglich.

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Im Verlauf der Musikgeschichte wurden die Partituren immer genauer. Je größer das EGO des Komponisten wurde, je mehr er sich in der Rolle des Künstlergenies sah, und je mehr der Kontrapunkt ersetzt wurde durch den Gefühlsausdruck, desto detailgenauer wurden die Partituren. Alle Aspekte der Musik und deren Ausführung sollten unter die präzise Kontrolle des genialen Komponisten kommen und möglichst vollständig in der Partitur festgehalten werden. Gleichzeitig wurde die bis dahin selbstverständliche Einheit von Musiker und Komponist langsam aufgelöst und mit dem Verbot der „entarteten“ Musik während des Nationalsozialismus einerseits die Verbindung zwischen Komponisten und Interpreten vollständig gekappt und andererseits ein Kanon geschaffen, der sich seit 70 Jahren unverändert im Kreise dreht. Durch die Verbannung der lebenden Komponisten aus dem Mainstream-Musikleben in kleine Nischen, wurden im Musikbetrieb der großen Konzert- und Opernhäuser und der Musikhochschulen die Reliquien der toten Komponisten, nämlich deren Partituren, zu Objekten quasi kultischer Verehrung. Die Einführung, Übertragung und Anwendung des protestantischen „Sola skriptura“- Prinzips von der Religion auf die Musik führte zu Erscheinungen wie historische Aufführungspraxis und Urtextausgaben: Die Partituren wurden sozusagen heiliggesprochen, die Musiker gleichen Priestern und Theologen.

Aber ist eine Partitur wirklich schon die Musik?

Wo ist die Musik? Ist sie im Kopf des Komponisten? Ist sie in der Partitur, im Konzert, im Kopf der Hörer? der pythagoräische fächer. und andere Arbeiten von mir knüpfen auch in diesem Sinne mehr an den Partituren des 16. und 17. Jahrhunderts an: Viele dieser Partituren sind sehr einfach und klar, rechnen aber mit Musikern, die durch ihre Fähigkeiten der Diminuition und Figuration dem notierten Gerüst während der Auffühung klanglichen Glanz verleihen oder die aus ein paar Ziffern der Generalbassnotation einen rauschenden Klangteppich hervorzuzaubern imstande sind. Doch hier gilt: Je klarer strukturiert und organisiert die grundlegende Struktur ist, desto mehr Freiheit gibt es für den Spieler im Augenblick der Aufführung. Musik entsteht im Moment des Erklingens aus dem Zusammentreffen von Vorgefertigtem und Spontanem als eine feine Mischung aus Determination und Freiheit. Es geht darum eine Balance herzustellen, die letztendlich einem Zweck dient: der Entfaltung der verborgenen Qualitäten und der Schönheit der Klänge.
—Klaus Lang, 2018

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