© Marco Borggreve
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Sylvain Cambreling im Gespräch

Herr Cambreling, 2018 ist für Sie ein Jahr der Jubiläen. Am 2. Juli hatten Sie Ihren 70. Geburtstag. Und auch mit dem Klangforum feiern Sie einen runden Geburtstag: Seit genau 20 Jahren begleiten Sie das Ensemble als sein Erster Gastdirigent. Bei 24 MusikerInnen, die Sie zum Teil schon über 20 Jahre kennen, bedeutet das eine ziemlich enge Beziehung. Wie empfinden Sie das?

Meine Beziehung zum Klangforum ist ganz besonders. Ich kenne die hohe Qualität von jedem Spieler und jeder Spielerin. Ich kenne auch ihre schwachen Punkte, obwohl es davon wirklich nicht viele gibt. Und genau so kennen sie mich. So haben wir ein großes Vertrauen zueinander, und das ist die beste Voraussetzung, wenn man gemeinsam Musik machen will.

Das Klangforum ist ein partizipativ organisertes Ensemble, das Entscheidungen gemeinsam trifft. Wie fügt man sich als Dirigent in dieses System ein?

Die Arbeit des Dirigenten ist immer fast gleich: Sie besteht darin, eine Gestik zu finden für die Ritualisierung einer Partitur. Aber natürlich mache ich das mit dem Klangforum ganz anders als mit einem großen Sinfonieorchester. Das beginnt damit, dass ich das Ensemble ohne Taktstock dirigiere, weil es eine kleine Gruppe von Musikern ist, die nicht die Schläge von mir braucht – oder nur selten. Sie erwarten etwas anderes von einem Dirigenten. Daher ist meine Herangehensweise auch eine andere: Wir gehen zusammen auf die Suche. Ich komme nicht mit einer Lösung an, sondern vielleicht mit einem Vorschlag. Wir probieren ihn aus, wir diskutieren, und ich erfahre von den Musikern, was sie brauchen.

Wenn Sie an Ihre gemeinsamen Anfänge denken, welches Projekt hat sich besonders stark in Ihre Erinnerung eingeprägt?

Ich glaube, beim allerersten Mal haben wir Messiaen gespielt. Aber die Gesamteinspielung von Barraqué war auch eines unserer ersten Projekte – und sehr wichtig. Es war noch zur Zeit von Peter Oswald. Barraqué ist ja extrem schräge Musik, aber ich habe sofort gespürt, wie neugierig die Musiker sind – und dieses Gefühl habe ich heute noch. Das hat den Kontakt zwischen uns immer sehr leicht gemacht, weil ich diese Neugier auch habe. Aber, mein Gott, das war eine Herausforderung! Dieser Barraqué ist so schwer...

Mussten Sie das Ensemble überreden, sich gleich auf eine Gesamteinspielung dieser ein wenig sperrigen Musik einzulassen? Es war wohl klar, dass sie kein Bestseller werden würde.

Ja, aber das war typisch für Oswald. Er hat immer versucht das zu machen, was die anderen nicht machen. Und das hat das Klangforum auch unter Sven Hartberger beibehalten. Das hat mir immer sehr gefallen.

Sie haben viel neues Repertoire ins Klangforum hineingetragen. Das Ensemble wiederum hat Sie mit einer großen Menge und Vielfalt an Uraufführungen konfrontiert. Mehr als Ihnen lieb war?

Wir haben zusammen sehr, sehr viele Uraufführungen gespielt, und man weiß natürlich: Es sind nicht immer Meisterwerke. Aber es war immer klar, dass wir das extrem seriös machen und jedem Stück eine Chance geben. Vielleicht wird es nur einmal gespielt und dann nie wieder, aber wenn das Klangforum es spielt, dann holt es auch das Beste aus dem Stück heraus. Für diese Haltung habe ich das Ensemble immer bewundert. Es hat sich für jedes Stück engagiert und viel Zeit genommen. Manchmal war es ziemlich hart, aber ich habe mir gesagt: Das ist okay, man kann das nicht überall machen und es ist eine spannende Arbeit, vor allem wenn der Kontakt zu den KomponistInnen gut ist.

Das Repertoire, das Sie mit dem Klangforum erarbeitet haben, ist ausgesprochen breit. Aber ich würde sagen, es hat sich über die vergangenen 20 Jahre dennoch eine Art Klangidentität bei diesem Ensemble herausgebildet, die die „Marke“ Klangforum geprägt hat. Das hat wesentlich mit dem sehr klangfokussierten Repertoire zu tun, das Sie beim Ensemble eingeführt haben, angefangen mit der Musik von Gérard Grisey.

Ja, wir haben sehr viel Grisey gespielt. Es ist schwierige Musik, aber das Ensemble hat sie sofort verstanden. Zuerst haben wir Partiels gemacht, dann Quatre chants pour franchir le seuil. Das war sehr emotional, da ich Grisey sehr, sehr gut gekannt habe und er kurz zuvor verstorben war. Wir hatten noch so viele gemeinsame Pläne gehabt... Es ist auch heute noch hochemotional, wenn wir dieses Stück spielen, jedes Mal wieder. Ich wusste genau, welches der Klang war, von dem er träumte, und das konnte ich mit dem Klangforum erreichen. Und für das Ensemble ist es eine richtige Sprache geworden. Sie hat auch die Interpretation von Musik geprägt, die in der Nachfolge von Grisey entstand, von Marc Andre beispielsweise und anderen. Die SpielerInnen hatten immer im Kopf, wo dieser Klang herkommt. Er ist zu einer Tradition geworden.

Die Perfektion, mit der das Ensemble spektrale Musik spielt, hat sich auch als Qualitätsstandard etabliert. Mit Ihrer kontinuierlichen Arbeit am Klang haben Sie das Klangforum also durchaus mitgeprägt. Es ist allerdings nicht allein ein Produkt der Perfektion. Wie erkennen Sie den Punkt, an dem man – im Interesse des Ausdrucks – die Perfektionsvorstellungen loslassen muss?

Das hängt ganz vom Stück ab. Wichtig ist nur, dass man versucht, auf der Seite des Stücks zu stehen. Wenn das Stück eine Botschaft hat, dann gilt es, diese Botschaft mit Engagement zu realisieren. Bei einer Mozart-Oper beispielsweise ist absolute, reine Perfektion gefragt. Bei einem komplexen Ensemblestück muss man versuchen, so nah wie möglich am Text zu bleiben, auch wenn man weiß, dass Perfektion hier gar nicht zu erreichen ist. Da ist dann die Transparenz oberstes Gebot. Aber was bedeutet überhaupt Perfektion? Was ist Perfektion bei Morton Feldman? Morton Feldman kann man perfekt vom Blatt spielen. Aber das kann man total falsch machen, wenn es einem nicht gelingt, dieses „mystère“ zu schaffen, diese „fragilité“. Perfektion ist also für jedes Stück etwas anderes. Man muss von Komponist zu Komponist und von Stück zu Stück anders arbeiten und die Musik anders leben.

Das Spektrum Ihres Repertoires mit dem Klangforum ist riesig. Es stellt aber nur ein Segment Ihrer Dirigententätigkeit dar. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Sie Generalmusikdirektor an der Staatsoper Stuttgart, in der Spielzeit 2018/19 übernehmen Sie die Hamburger Symphoniker. Es gibt nicht viele Dirigenten, die sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch die Bereiche Oper, Sinfonik und Ensemblemusik bewegen, mit Repertoire von Monteverdi bis zur Gegenwart. Wie ist das überhaupt zu schaffen?

Ich bin so. Das ist meine Natur. Ich habe das immer gebraucht, immer. Und brauche es noch immer, auch mit 70. Es ist eine Frage des Interesses. Man muss sehr interessiert sein, neugierig sein. Und man darf nicht faul sein! Man muss wirklich viel, viel, viel arbeiten.

 

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Inwieweit beeinflusst diese kontinuierliche Arbeit mit dem Ensemble auch Ihre Orchesterarbeit?

Es ist wie Kammermusik zu spielen für Orchestermusiker. Auch für ein großes Ensemble ist es natürlich sehr gut, Kammermusik zu spielen. Aber wenn man viel Neue Musik macht, lernt man anders zu hören, viel feiner: feiner in der Intonation, feiner in der Dynamik. In der Neuen Musik reicht die Dynamik von 5 p bis 5 f, bei sinfonischem Repertoire hat man das nicht oft. Aber das ist sehr nützlich, weil man lernt, sich in ganz anderen Bereichen zu bewegen. In der Neuen Musik trifft man immer wieder die dynamische Bezeichnung „kaum hörbar“ an. Wenn man das mit einem großen Ensemble zustande bekommt – wunderbar! Oder die Finesse eines perfekt intonierten Dur-Akkords – das lernt man, wenn man viel Neue Musik spielt.

Man bekommt auch ein größeres Bewusstsein für Klangfarben und Farbmischungen.

Klar! Aber daran muss man Spaß haben. Das kommt nicht von allein. Man muss wirklich hart dafür arbeiten.

Sie machen schon seit über 40 Jahren Neue Musik, haben also die ganze Entwicklung seit den 70er-Jahren mitgemacht. Stimmen Sie die Entwicklungen der Musikszene der letzten Jahre optimistisch für die Zukunft?

Das ist eine Frage, die man sich nicht stellen sollte. Für mich gibt es kein Konzept von Fortschritt. Es gibt nur: Es kommt das, dann kommt das und dann kommt eben das... Man sagt, es gibt keine Schulen mehr. Das ist vielleicht nicht ganz richtig. Es gibt zumindest unterschiedliche Typologien, aber im Unterschied zu den 70er-Jahren ist das natürlich etwas ganz anderes. In den 70er-Jahren gab es noch diesen Postsurrealismus und erst Ende der 80er-Jahre war es wieder akzeptabel, schöne Töne zu komponieren. Es war keine Schande mehr! Und jetzt wird alles sehr eklektisch. Die ganz jungen Komponisten heute kenne ich nicht so gut, muss ich sagen, aber solchen Persönlichkeiten wie den alten Monstern Lachenmann, Ligeti oder Kurtág, begegne ich heute nicht mehr. In der Generation davor gibt es noch Leute mit einer klaren Sprache. Jetzt, finde ich, wird immer eklektischer komponiert. Ich habe den Eindruck, man will heute sehr schnell ein sehr großer Komponist werden.

Viele junge KomponistInnen arbeiten hauptsächlich mit multimedialen Mitteln. Wie stehen Sie dazu?

Es ist ganz natürlich, dass es das jetzt gibt, aber ich habe wenig Bezug dazu. Ich bin noch ganz in dieser Musik auf Papier zu Hause. Auch Crossover interessiert mich sehr wenig. Und Arbeit mit neuen Medien... Ich schaue mir das neugierig aus der Distanz an, finde das manchmal auch ganz interessant, aber ich mache das nicht. Ich bin noch ein Mensch ohne Computer, ich habe keinen Laptop, ich habe nichts.

Aber Sie haben ein Handy?

Ich habe ein Handy, aber ich kann keine SMS versenden. Auch hier arbeite ich noch immer mit Papier. Ich finde es sehr gut, wenn etwas Neues kommt, aber das ist für andere Leute – allein schon, weil ich keine Zeit dazu habe.

Gibt es in den über 40 Jahren, in denen Sie Neue Musik gemacht haben, eine Zeit, von der Sie sagen würden: Das war meine Lieblingszeit?

Ja. Aber das hat nicht unbedingt mit Musik zu tun. Vor vier Jahren habe ich meinen Freund verloren, Gérard Mortier. Die schönste Zeit war mit ihm. Die Zusammenarbeit, die gemeinsamen Abenteuer in Brüssel und Salzburg: Das war verrückt! Die Ruhrtriennale: Das war total neu. Paris: Das war schlimm. Madrid wäre sehr gut gewesen, aber es ist kaputtgegangen. All das war gemeinsam einfach wunderbar. Aber auch mit dem Klangforum habe ich viele tolle Erinnerungen und diese Beziehung war und ist für mich etwas vom Wichtigsten und Schönsten.

Was zieht Sie nun nach Hamburg? Und zu den Hamburger Symphonikern? Ich dachte, Sie wollten eigentlich nicht mehr Generalmusikdirektor sein.

Ja, das stimmt. Ich wollte nicht mehr verantwortlich sein für Dinge, die nicht mit mir direkt etwas zu tun haben. Ich habe mir gesagt: Oper mache ich, eventuell eine Produktion pro Jahr, aber nur unter besten Bedingungen; dafür will ich viel mehr Konzerte machen, denn ich habe dieses riesige Repertoire und möchte es nutzen. Hamburg ist mir zugefallen, zunächst aus persönlichen Gründen: Ich war gut mit Jeffrey Tate befreundet. Als er im Juni 2017 plötzlich verstarb, war das ein großer Schock. Ich wollte etwas für sein Orchester tun, also habe ich das letzte Programm übernommen, das Jeffrey geplant hatte. Und dann habe ich ein Feuerwerk mit diesem Orchester erlebt! Es sind wirklich gute MusikerInnen, wir werden schöne Programme zusammen realisieren und ich werde mich für sie engagieren. Es ist eine Neustart für mich mit einem neuen Publikum, das ich überzeugen muss. Aber bislang hat das überall, wo ich war, gut funktioniert. Ich hoffe auch, weiterhin mit dem Klangforum Musik zu machen.

—Das Gespräch mit Sylvain Cambreling führte Barbara Eckle im Juli 2018.

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