© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag; © Suhrkamp Verlag; © Bärenreiter-Verlag/ Metzler
© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag; © Suhrkamp Verlag; © Bärenreiter-Verlag/ Metzler

Kunst, Politik, Musik und Wirtschaftsleben. Teilnahme, Einmischung, Kompetenzüberschreitung, Pflicht

Als 1933 der nationalsozialistische Barbarismus die Herrschaft in Deutschland antrat, war es eine große Enttäuschung, daß die geistige Führerschicht anstatt Widerstand zu leisten, einer nach dem anderen mit dem Nationalsozialismus paktierte. Der Widerstand erlahmte dadurch immer mehr, die Klarsehenden vereinsamten und wurden machtlos. Es besteht zu allen Zeiten und für alle den Durchschnitt Überragenden die Verpflichtung Vorbild zu sein. Jeder, der seine Leistung und seinen Namen dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellte, hat damit eine Schuld auf sich geladen. (Aus der Begründung des Urteils der Spruchkammer München-Land, Mü-La 146/46/3636 vom 17. Oktober 1947 in der Rechtssache Werner Egk gegen Kurt Arnold)

Für die Saison 2018/2019 plant das Klangforum Wien eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand des internationalen Wirtschaftslebens; mit den das herrschende kapitalistische Wirtschaftssystem mit sehr dünner wissenschaftlicher Evidenz stützenden Mainstream-Wirtschaftswissenschaften; und mit möglichen Alternativen zum Status quo. Das Projekt Zum Gemeinwohl ! reiht sich ein in eine Folge von politischen Stellung- und Parteinahmen des Ensembles, die im Jahr 2000 mit einer sehr deutlichen Ablehnung des Schüssel-Haider-Pakts und des auf diesem beruhenden Kabinetts Schüssel I begonnen hat, welches von sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten und mehreren der Union nicht angehörigen Ländern geächtet und sanktioniert wurde.

Statt sich auf die absichtslose Interpretation von Partituren zu beschränken, hat das Klangforum Wien die Konzertbühne immer wieder zum politischen Forum gemacht, zum Beispiel in seiner wiederholten Zusammenarbeit mit den voix étouffées, die den Opfern der europäischen Faschismen eine Stimme verleihen, mit einem am Höhepunkt der Griechenlandhetze veranstalteten Solidaritätskonzert mit Werken griechischer Komponisten oder zuletzt mit einem großen Gemeinschaftsprojekt mit netzzeit und dem forum experimentelle architektur, mit dem das Ensemble für die europäische Integration und die Errichtung einer Hauptstadt der Europäischen Union eingetreten ist.

Wer die oft als Refugien vor den Zumutungen der Wirklichkeit verstandenen Tempel der Kunst zu Orten der lebendigen Auseinandersetzung mit den aktuellen Gegebenheiten menschlicher Gemeinschaft macht, hat sich Vorhaltungen und Fragen zu stellen. Diese reichen vom Vorwurf der agitatorischen Behelligung eines für seine Unterhaltung zahlenden Publikums bis zum Missbrauch von Beiträgen der öffentlichen Hand.

Das diesem Text als Motto vorangestellte Zitat gibt auf Fragen und Vorwürfe dieser Art eine sehr klare Antwort:
Es stellt die Künstler in die Pflicht und erlegt ihnen ein besonders hohes Maß an Verantwortung für das Gemeinwesen auf. Als den Durchschnitt überragende Persönlichkeiten beglaubigen und autorisieren sie bereits durch ihr öffentliches Auftreten und ihr stillschweigendes Funktionieren die gegebenen Verhältnisse. Deshalb dürfen sie gar nicht schweigen, sondern haben die Pflicht, sich zu erklären oder – falls sie das nicht können oder wollen – gänzlich 
von der Bühne zu verschwinden.

Natürlich ist der selbstgerechte Eifer, mit dem überhebliche Spätgeborene den Komponisten Werner Egk, gegen den in Wahrheit so gut wie gar nichts vorliegt, als „eine der übelsten Figuren nationalsozialistischer Musikpolitik“ denunziert haben, ebenso lächerlich wie widerwärtig. Das nimmt dem allgemein gültigen Postulat der Spruchkammer München-Land nichts von seiner Berechtigung: Der Künstler, der in der Öffentlichkeit wirkt, hat kein Recht darauf, ein „idiotes“ zu sein, ein Privatmann, der sich um niemanden und um nichts bekümmert als um seine Kunst. Er hat die Pflicht, sein Wissen, sein Können, seine Denken und Gefühl ansprechende gestaltende Kraft in den Dienst einer Katharsis zu stellen, die für das allgemeine Beste wirksam werden kann.

Damit sind wir beim aktuellen Engagement des Klangforum Wien. Das Ensemble hat in Zusammenarbeit mit Musik der Jahrhunderte Stuttgart und Amour Fou Vienna zehn Filmkünstlerinnen und zehn Komponistinnen zur Schaffung neuer Werke zu einem brennenden gesellschaftspolitischen Thema eingeladen: Kann es eine Alternative zum herrschenden (finanz)kapitalistischen Wirtschaftssystem geben, oder ist die herrschende Wirtschaftsordnung mit ihren Siegern und Verlierern alternativlos?

Vom Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union wurde die Gemeinwohl-Ökonomie des österreichischen Autors Christian Felber im September 2015 als „ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt“ bezeichnet und zur Integration in den europäischen wie auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen empfohlen. Man kann über die Ansätze dieser Gemeinwohl-Ökonomie bestimmt unterschiedlicher Ansicht sein, den Rang einer einflussreichen Wirtschaftstheorie wird man ihr aber schon alleine auf Grund der detailliert und fachkundig begründeten Stellungnahme des zuständigen Ausschusses der Europäischen Union nicht absprechen können. Es war daher ohne Zweifel richtig, dass der österreichische VERITAS-Verlag in seinem Schulbuch „Geospots“ Felbers Theorie zusammen mit jenen von Keynes, Marx, Friedman und Hayek den 7. und 8. Klassen der Allgemeinbildenden Höheren Schulen zur Diskussion stellte.

Felbers Modell stellt das wissenschaftliche Fundament der an österreichischen Wirtschaftsuniversitäten verbreiteten Glaubenslehren ebenso wie deren Problemlösungskompetenz und deren politische Legitimation in Frage. Die akademischen Gepflogenheiten an österreichischen Wirtschaftsuniversitäten sehen für einen solchen Fall offenbar keine sachliche Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, sondern die ebenso simple wie unbegründete Denunziation missliebiger Ansätze als „unwissenschaftlich“ und den offenen Ruf nach Zensur als Mittel der Wahl vor. Mit einem Brief vom 7. April 2016 verlangten rund 140 Bedienstete österreichischer Wirtschaftsschulen Schutz von der Frau Bundesministerin: Sie solle die Verbreitung des Lehrbuchs an österreichischen Schulen untersagen und damit die Auseinandersetzung der SchülerInnen
mit dem von der Europäischen Union approbierten Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie unterdrücken. In weiterer Folge wurde der Hinweis auf Christian Felber und sein Wirtschaftsmodell vom Verlag – freiwillig – aus dem Unterrichtsbehelf gelöscht.

An diesem Punkt kommen die Künste im Allgemeinen, die darstellende Kunst im Speziellen und hier wieder besonders: die Musik ins Spiel. Gerard Mortier, dessen 75. Geburtstag wir am kommenden 25. November im Gedenken an diesen großen Europäer feiern werden, hat in seiner „Dramaturgie“ und auch in den Aufsätzen aus seinen letzten Lebensjahren, die in diesen Tagen unter dem Titel „Das Theater, das uns verändert“ im Verlag Bärenreiter/Metzler erschienen sind, mit Nachdruck auf die aus der Geschichte der Oper begründete Pflicht des europäischen Musiktheaters hingewiesen, dem Unterdrückten, dem Gemeinwohl und der Humanität eine Stimme zu leihen. Genau das unternimmt das Klangforum Wien mit seinem aktuellen Projekt. Dort, wo die beamteten Wirtschaftslehrer unserer Universitäten Anspruch auf ein exklusives oder doch zumindest privilegiertes Recht zur Teilnahme an der politischen Diskussion über die Formen und Regeln unseres Wirtschaftsleben erheben, unter dem Vorwand mangelnder Qualifikation alle anderen von der Teilhabe an diesem zentralen Bereich unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ausschließen wollen und die Verbreitung alternativer Modelle mit den Mitteln staatlicher Zensur zu unterdrücken suchen, hat die Kunst mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln diese Anmaßung darzustellen, dem anderen eine Bühne zu bieten und das verweigerte Gespräch in Gang zu bringen.

Das Klangforum Wien überschreitet damit keineswegs seine Kompetenzen, es nimmt einfach seine Pflicht zu Teilnahme, Stellungnahme und Einmischung wahr. Das Ensemble befindet sich damit in allerbester Gesellschaft, nicht zuletzt jener des Schriftstellers Robert Menasse, dessen großer Europa-Roman „Die Hauptstadt“ geradezu auf den Höhepunkt des grandiosen Referats seines heimlichen Helden hin konstruiert erscheint. Professor Alois Erhart konfrontiert die beflissenen Verteidiger der aktuellen Ordnung mit ihren historischen Vorbildern und stellt sich mutig dem süffisanten Lächeln, dem überheblichen Spott der herrschenden Lehre und der Denunziation seines Denkens als „unwissenschaftlich“ entgegen:

Wenn Sie zur Zeit der griechischen Sklavenhaltergesellschaft gelebt hätten und man hätte Sie gefragt, ob Sie sich eine Welt ohne Sklaven vorstellen können – Sie hätten gesagt: Nein. Nie und nimmer. Sie hätten gesagt, die Sklavenhaltergesellschaft ist die Voraussetzung der Demokratie! Oder? Nein, nein Professor Matthews, warten Sie. Bitte. Sie stelle ich mir vor in Manchester, zur Zeit des Manchester-Kapitalismus. Wenn man Sie damals gefragt hätte, was man tun müsse, um den Standort Manchester zu sichern, Sie hätten gesagt: Auf keinen Fall darf man diesen Gewerkschaften nachgeben, die statt eines 14-Stunden- Tags einen 8-Stunden-Arbeitstag fordern, ein Verbot der Kinderarbeit und die sogar eine Alters- und Invalidenrente wollen, denn das würde die Attraktivität des Standorts total gefährden – und, Professor Matthews, was ist jetzt? Gibt es Manchester noch? Und ersparen Sie sich dieses überhebliche Grinsen, Herr Mosebach. Mit der Radikalität, mit der Sie heute deutsche Interessen verteidigen, wären Sie mit früherer Geburt als Angeklagter bei den Nürnberger Prozessen gelandet. Und das ist Ihnen nicht einmal klar. Aber zittern Sie nicht, lieber Mosebach, Menschen wie Sie werden immer begnadigt, denn das sieht doch jeder Gutachter: Sie meinen es nicht böse, Sie sind nur verblendet. Sie sind ein Mitläufer. Und das ist das Problem von Ihnen allen. Sie alle sind Mitläufer. Sie sind entrüstet, wenn Ihnen das heute einer sagt, aber Sie sind genau die, die morgen, wenn es eine Katastrophe und dann gar einen Prozess gibt, zu Ihrer Entschuldigung sagen werden, dass Sie doch nur Mitläufer gewesen sind, kleine Rädchen. (Robert Menasse, „Die Hauptstadt“, S. 390 f., Berlin 2017)

Ist es übertrieben zu sagen, dass die aktuelle Wirtschaftsordnung, die zu ihrem Fortbestand offenkundig ungezügeltes Wachstum, hemmungslosen Verbrauch begrenzter Ressourcen (one earth), Spekulationen auf den Preis von Grundnahrungsmitteln und die immer schneller zu Wirtschaftskriegen mutierenden Konkurrenzsituationen zwischen Unternehmen und Staaten braucht, katastrophale Entwicklungen zur Folge hat? Und ist es verfehlt anzunehmen, dass all jene Experten und Wissenschafter, die genau jene Ordnung mit ihrer geliehen Amtsautorität gestützt haben, jede Verantwortung für die Resultate ihres Wirkens von sich weisen werden?

Und ist es nicht die Aufgabe der Kunst, auf diese Umstände beizeiten hinzuweisen? Und wenn das nicht die Aufgabe der Kunst ist, was dann?
—Sven Hartberger, 2018

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