Andrew Burke © Will Tisdall
© Will Tisdall

Andrew Burke — Die Tradition neu erfinden

Mit einem Festkonzert am 24. Jänner dieses Jahres feierte die London Sinfonietta eben den Abschluss ihrer 50. Saison – exakt 50 Jahre nach ihrem ersten Auftreten am 24. Jänner 1968. Als eines der ersten Ensembles für Neue Musik übernahm die London Sinfonietta eine Vorreiterrolle, die ihr innerhalb von vier Jahren große internationale Anerkennung bescherte. Sie war so erfolgreich, dass Nicholas Snowman, Manager und Mitbegründer des Ensembles, von Pierre Boulez nach Paris geholt wurde, um sich dort an der Gründung des Ensemble Intercontemporain zu beteiligen, was David Atherton, seinen Kollegen und musikalischen Leiter der London Sinfonietta, dazu veranlasste, Michael Vyner als neuen künstlerischen Direktor zu rekrutieren. Gemeinsam entwickelten sie in den 70er und 80er Jahren eine starke Tradition, die auf der Vergabe von Werkaufträgen, Aufführungen, Konzert-Reisen und Einspielungen von Musik einer Vielzahl der größten Komponisten der Avantgarde und der Moderne aus der Nachkriegsgeneration beruhte, wie Karlheinz Stockhausen, Luciano Berio, György Ligeti, Iannis Xenakis, Witold Lutosławski und Harrison Birtwistle. Die instrumentelle Zusammensetzung der Gruppe – das „ein Musiker pro Stimme“-Prinzip – entwickelte sich vermutlich vor allem auf Grund ökonomischer Überlegungen im Zusammenhang mit den Konzertreisen. Die London Sinfonietta vergab eine Anzahl von Werkaufträgen in diesem Format, die sein Kernrepertoire bilden und der Nachfrage von Konzerthäusern und Festivals entgegenkamen, die mit ihren Konzerten die neuen Klänge der Gegenwart erkunden wollten.

50 Jahre alt zu werden, kann bei jedermann eine existentielle Krise auslösen – und das gilt auch für ein Ensemble für Neue Musik. Wir haben uns lange darüber unterhalten, wie unser Alter und unsere Tradition sich mit einem derart innovativen Start vereinbaren lassen und was heute wohl als neu, anders und riskant gelten würde. „Die Dinge sind nicht mehr, was sie einmal waren“ lautet die vielzitierte Diagnose; obwohl es – unter Umgehung der Nostalgie-Falle –   vermutlich darauf ankäme, zu überlegen, dass die Dinge womöglich nie so sind, „wie sie einmal waren“.

Alles eine Frage des Kontextes

Trotz einer Reihe von wichtigen Gemeinsamkeiten zwischen den europäischen Ensembles für Neue Musik, unterscheiden sich die Herausforderungen und Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen, je nach nationalem Kontext. Und selbst wenn sie ähnlich zu sein scheinen, werden sie von uns jeweils unterschiedlich interpretiert. 

Kunstförderung, Gesellschaft und Regierungspolitik in Großbritannien beispielsweise haben die Entwicklung der London Sinfonietta im Laufe der Zeit sehr tiefgreifend beeinflusst. Auf unseren Instinkt vertrauend, mussten wir dennoch lernen, uns an veränderte Bedingungen anzupassen und ihnen womöglich zuvorzukommen. Unser National Arts Council förderte Organisationen und  forderte sie praktisch dazu auf, Programme zu entwickeln, die zur Umsetzung künstlerischer Aktivitäten an Schulen und in Gemeinden dienen sollten – doch tatsächlich handelte es sich dabei um eine Initiative der London Sinfonietta, die als erste musikalische Organisation im Vereinten Königreich in den 1980er Jahren begann, edukative Programme zu gestalten; eine Idee von Michael de Grey, dem damaligen Manager des Ensembles. Heute wird gegenüber öffentlich subventionierten Organisationen eine vom Arts Council angeführte Politik vertreten, der zufolge sie klare digitale Richtlinien haben und Wege finden müssen, häufiger jene Gegenden in Großbritannien zu bereisen, in denen es wenig Zugang zur Kunst gibt, sowie ein Publikum heranzuziehen und Projekte zu entwickeln, die die große gesellschaftliche Vielfalt des Landes heute widerspiegeln. Alle diese Strategien beruhen auf einer durchgängigen Motivation – mehr Menschen mit einer Kunst zu erreichen, die durch öffentliche Gelder finanziert wird.

Einen zweiten, sehr wesentlichen Aspekt bildet die Finanzkrise 2008. In Großbritannien hatte sie eine Dekade finanzieller Einschränkungen zur Folge, die sämtliche Sparten der öffentlichen Serviceeinrichtungen betraf, inklusive die Kunst – insbesondere eine massive Reduktion der Kunstförderung durch die Kommunen. Das Netzwerk an verfügbaren Häusern und Festivals in unserem Land, die sich erlauben können, mit Konzerten zeitgenössischer klassischer Musik finanzielle Risiken einzugehen, ist drastisch geschrumpft.

Wir haben im UK daher viele Jahre lang neiderfüllt auf die Größenordnung an öffentlichen Investitionen in die Kunst und in Neue Musik geblickt, die in vielen europäischen Ländern getätigt wurden. Höhere Subventionen wurden länger aufrechterhalten – ausreichend, um hauptberufliche Ensembles für Neue Musik das ganze Jahr über zu beschäftigen, mit Programmen, die sie – in Ambition und Umfang bewundernswert – daheim und international präsentierten.

Not macht erfinderisch; und so sah sich die London Sinfonietta gezwungen, ihr Interesse am Experiment und an den Veränderungen, das ursprünglich für die Entwicklung ihres künstlerischen Ethos und ihres Arbeitsprogramms im Laufe ihrer 50jährigen Geschichte verantwortlich war, weiter voranzutreiben. Das Ensemble ist stolz auf seine daraus resultierende eklektische Ästhetik, seine Zusammenarbeit über Genregrenzen und Kunstformen hinweg, sein öffentliches Engagement, seine digitalen Experimente und Veranstaltungen an ungewöhnlichen Spielorten.

Das Einzige, was sich nicht ändert, ist der Wandel

Wir sollten uns nicht darüber wundern, dass Veränderung Teil unserer Arbeit ist – und wir sollten das jedenfalls von den Komponisten und Künstlern erwarten, mit denen wir zusammenarbeiten. Bereits 1992 sagte der visionäre Komponist John Cage zur Entwicklung innerhalb der Musik: „Wir leben, denke ich, in einer Zeit, nicht des Mainstreams, sondern vieler Strömungen; wir sind  – wenn Sie auf dem Bild vom Fluss der Zeit bestehen – bereits in einem Delta angelangt, oder vielleicht schon jenseits des Deltas in einem Ozean, der wiederum zum Himmel zurückkehrt.“ Für die London Sinfonietta gab es innerhalb des UK in den 70er und 80er Jahren vielleicht eine Zeit, da ihre Programme der Definition einer bestimmten Linie in der Neuen Musik gleichkamen, denn ihre Konzerte boten die seltene Gelegenheit, dieses wegweisende Repertoire live zu hören. Von der London Sinfonietta einen Werkauftrag zu erhalten, war für Komponisten ein wichtiges Ereignis, da sie dadurch die rare Chance erhielten, eine Weltklasseaufführung auf einer Bühne zu erleben, die die Aufmerksamkeit einer seriösen Kritik auf sich zog und national im Radio ausgestrahlt wurde.

Doch heute – in der digitalisierten Welt der Social Media, von Spotify und Soundcloud, offenbart Cages Einschätzung eine noch viel größere Wahrheit. Komponisten benötigen keine Verlage oder Plattenlabels mehr, um ihr Publikum zu erreichen. Man könnte meinen, dass es in der Neuen Musik keinen Mainstream mehr gibt und die etablierten Ensembles, Festivals und Häuser mit „traditionellen“ Methoden der Programmauswahl und der Vermarktung von Konzerten nicht mehr die Rolle spielen, die sie einst innehatten.

Etliche der jungen Komponisten, mit denen wir heute arbeiten, spiegeln die multi-sensorische digitale Welt wider, in der sie aufgewachsen sind. Ganz selbstverständlich fügen sie unterschiedliche Kunstformen und musikalische Genres zu einer neuen Ausdrucksform zusammen; natürlich kreieren sie Stücke unter Einbeziehung von Elektronik, Film, Sprache, inszenatorischen Elementen und Beleuchtung; sie arbeiten mit Popkünstlern zusammen und schaffen Werke, die eine Mischung sind aus Installation und experimenteller Theateraufführung. Ein Konzertstück für ein Ensemble mit klassischen Instrumenten zu schreiben, ist heutzutage nur eine von vielen Möglichkeiten, die ihnen offenstehen.

Und während die Fähigkeit, für ein Ensemble zu schreiben, hart erarbeitet werden muss und meist eines Studiums an der Universität bedarf, ist eine solche Ausbildung keineswegs ein Garant für gute Musik. Obwohl sich die Anzahl der gebührenpflichtigen Kurse und die Möglichkeiten, sich als Komponist zu qualifizieren, in Großbritannien erhöht haben, ist es immer noch eine aufregende Seltenheit, auf eine wahrhaftig originale Stimme in der Musik zu stoßen. Komponisten wie Xenakis standen außerhalb der Tradition – und wenn er auch hart darum kämpfte, von so vielen anerkannten Meistern wie möglich zu lernen, waren es dennoch seine unkonventionellen Methoden und Klänge, die wir heute feiern.

Die digitale Revolution hat auch das Publikum verändert, das heute die unterschiedlichen Stilrichtungen der Neuen Musik viel bewusster wahrnimmt. Neue Veranstaltungsorte und Gestaltungsmöglichkeiten beim Kuratieren von Events haben im Bereich der Neuen Musik in Großbritannien an Bedeutung gewonnen – im Versuch, sich diese Publikumsschichten zu erschließen. Viele Veranstalter, mit denen wir hierzulande und auch international arbeiten, sind auf der Suche nach dem „Haken“ an der Idee für ein Konzert, der die Veranstaltung für das Publikum ebenso relevant macht, wie es narrative und politischere Kunstformen wie Film, Theater und die Bildenden Künste sind. In den vergangenen Saisonen sind wir an unüblichen Orten wie Nachtclubs, Fabriken, Galerien, Museen und selbst in der Londoner U-Bahn aufgetreten, um dem Publikum eine fesselnde Erfahrung zu vermitteln, die – im besten Fall – seine Fantasie beflügeln und einen wichtigen Weg vermitteln kann, den oft unvertrauten Klängen der Musik tatsächlich zuzuhören. Unser jüngstes Auftragswerk war ein Stück für Musiktheater von Komponistin Tansy Davies und Autor Nick Drake, das in einer alten Zeitungsdruckerei aufgeführt wurde. Das Publikum war, umgeben von Rauch, den Sängern ganz nahe – einige Besucher wurden sogar durch einen Guss vom Dach angespritzt. Der Veranstaltungsort war Teil der Geschichte des Projekts, das ein breiteres Publikum anzog; und es ist schwer vorstellbar, dass dieses Werk einmal in einem traditionellen Theater aufgeführt werden könnte.

Was nun?

Was unternehmen also Ensembles wie das unsrige in dieser neuen, sich stetig verändernden Landschaft, in der es weniger Fördergelder gibt und einen größeren Druck seitens der Politik, „aus weniger mehr“ zu machen? In der Konzerthäuser und Festivals die Forderung an uns richten, neue Erfahrungen zu ermöglichen, die ein breiteres Publikum ansprechen und – ganz wichtig – in der Komponisten sämtliche Möglichkeiten klanglicher und interdisziplinärer Kunstformen ausschöpfen wollen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Eine Möglichkeit wäre, unsere eigene Tradition zu stärken, indem wir weiterhin Werke für ein festgelegtes Ensemble in Auftrag geben, die in einem Konzerthaus vor einem aufmerksamen Publikum aufgeführt werden und dabei mit den besten Komponisten zusammenzuarbeiten, die ihre besten Werke für diese Kunstform schreiben. Etliche Gruppen haben ihre eigenen Traditionen, ihr eigenes Repertoire und ihre eigene Wirtschaftlichkeit auf Basis dieser Arbeitsweise entwickelt; und ein Konzerterlebnis mit bedeutender Neuer Musik im Rahmen einer guten Akustik ist immer noch etwas Wunderbares. Es liegt jedoch zweifellos auch eine gewisse Logik der Selbsterhaltung in einer solchen Methode. Die Frage ist, ob wir nicht an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt sind – ob der Kontext, in dem wir uns befinden, sich nicht derart verändert, dass sich die Frage stellt, wieweit eine solche Haltung zukunftsfähig ist. Wenn wir so weitermachen, besteht auch die Gefahr, dass wir uns in eine Tradition verrennen, die uns zu einer eigenen Spezies von historischem Ensemble des 20. Jahrhunderts macht.

Oder wir akzeptieren den Wandel und versuchen, erfindungsreich und flexibel zu sein. Für uns bei der London Sinfonietta bedeutet das: wir haben Projekte gemacht und werden das auch in Zukunft tun, die eine unterschiedliche Anzahl an Musikern und Instrumenten erfordern. Unsere Musiker sehen sich zusehends mit der Herausforderung konfrontiert, anders zu spielen, in ungewohnter Umgebung aufzutreten und mit Musikern, Komponisten und Künstlern auf neuartige Weisen  zusammenzuarbeiten. Wir haben uns für die kommenden Jahre vorgenommen, Musiker unterschiedlicher Traditionen als Mitstreiter zu gewinnen, um zu sehen, was daraus für eine Musik entsteht.

Die Zusammenarbeit mit anderen zeitgenössischen Kunstformen in ungewohnten Räumen ist nicht neu – aber sie ist nach wie vor äußerst erfolgreich, wenn es darum geht, neue Publikumsschichten zu erschließen, die ebenso genau zuhören wie jene, die sich ein Abonnement besorgen. Erst kürzlich lockte eine vom Künstler Christian Marclay kuratierte Serie von zehn Events ein großes neues Publikum in die Londoner White Cube Gallery und bot unseren Musikern die Möglichkeit, sehr erfolgreich halb komponierte, improvisatorische Werke von Komponisten zu erarbeiten, die wir vielleicht niemals für unsere traditionelleren Konzerthaus-Programme beauftragt hätten.

Wege in die Zukunft

Diese Flexibilität kann sich manifestieren, während sie gleichzeitig die Tradition des konzertanten Repertoires an Werken aufrecht erhält, die von den Neue-Musik-Ensembles in Auftrag gegeben wurden und werden. Wie viele Gruppen geben wir nach wie vor den Großteil unserer Konzerte in Konzerthäusern, mit Werken von hoch ausgebildeten und talentierten Komponisten – und es gibt nach wie vor ein Publikum für diese Veranstaltungen, wenn sie fantasiereich zusammengestellt werden.

Der Schluss, zu dem ich gelange, ist natürlich: eine Balance zu finden zwischen der Aufrechterhaltung und der Weiterentwicklung dieser außerordentlich reichen Tradition; und stets bereit zu sein, mit allem zu brechen und etwas ganz Neues zu versuchen. Ich denke immer wieder: wäre die London Sinfonietta nicht bereit, regelmäßig ihre Tradition neu zu erfinden, würden wir nicht mehr im Geiste jenes Ensembles leben, das im Jahr 1968 gegründet wurde.

Das bedeutet auch, Risiken einzugehen – und Dinge zu tun, von denen wir noch nicht wissen, wie sie funktionieren, gemeinsam mit Komponisten und Künstlern, die dabei sind, neue Möglichkeiten des Klangs, der Kunstform und des Schauplatzes zu erfinden. Der amerikanische Filmemacher Charlie Kaufmann sagte einmal: Wenn das, was du tust, nicht die Möglichkeit des Scheiterns in sich trägt, machst du per definitionem nichts Neues. Ich denke, dass wir – Hand in Hand mit den besten Komponisten, die wir finden können und denen wir vertrauen – das Beste aus unserer Tradition bewahren, uns aber dennoch unserer Ängste entledigen sollten (oder bereit sein müssen, schlaflose Nächte zu verbringen). Wir sollten Mut zur Veränderung haben und immer wieder Risiken eingehen, um lebendige, inspirierende, herausfordernde, andersartige und schwierige musikalische Kunst zu schaffen.
—Andrew Burke, 2018


Andrew Burke ist seit 2007 Geschäftsführer und Künstlerischer Direktor der London Sinfonietta; zuvor arbeitete er von 2003 – 2007 als Leiter des London Symphony Orchestra Discovery Programms im Bereich der Musikvermittlung.

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