Portrait of two women, around 1859
Portrait zweier Frauen, ca. 1859

Frank Bedrossian — Epigram

Folgt man als Leser dem Pfad von Emily Dickinsons Werk, bleibt man stets auf sich allein gestellt, denn die amerikanische Dichterin fasst ihre Gedichte nie in Zyklen oder Kapiteln zusammen, die uns führen oder den Weg in eine klare und unzweideutige Richtung weisen könnten. Und wenn es in ihrer gesamten Lyrik tatsächlich Resonanzen gibt, so sind sie oft verborgen und geheimnisvoll.

Während meiner Arbeit an der Entwicklung der musikalischen Form von Epigramm I, II, III erinnerte ich mich an diese Erfahrung und beschloss, dass der zeitliche Verlauf des Werks auf die eine oder andere Weise dieses eigenartige Gefühl widerspiegeln sollte. Schließlich entschied ich mich dafür, die Musik – auch wenn sie aus drei Abschnitten besteht – ohne Unterbrechung spielen zu lassen. Jeder Teil sollte Fragmentierungen und Momente der Stille enthalten. Auf diese Weise wollte ich Fragezeichen hinsichtlich der Entwicklungsstränge innerhalb einer musikalischen Form voll unerwarteter Wendungen erschaffen und so eine genuine strukturelle Vieldeutigkeit und Flexibilität in die Sache bringen. Die Notwendigkeit einer dramatischen Entwicklung auf einer allgemein formalen Ebene war nach wie vor gegeben; das brachte mich auf die Idee einer dynamischen Asymmetrie der Proportionen, weshalb ich beschloss, hinter der Dreigestalt ein Diptychon in Erscheinung treten zu lassen. Deshalb verändert sich die poetische Atmosphäre das gesamte Stück hindurch allmählich, bis in Epigramm III neue musikalische Situationen und Interaktionen zwischen Stimme und Ensemble eingeführt werden, die das musikalische Ende andeuten.

Ich habe Gedichte ausgewählt, deren Abfolge nicht auf einer bewussten organisatorischen Idee beruht, sondern vielmehr auf einer Anzahl von poetischen Assoziationen, in denen die Themen Einsamkeit, Identitätssuche und Tod beständig wiederkehren. So sollte das rätselhafte Ganze, das sich aus den einzelnen Gedichten zusammenfügt, niemals den Eindruck von Gleichförmigkeit vermitteln. Um das zu erreichen, wurden die meisten Texte nicht vorab, sondern zumeist erst während des Komponierens ausgewählt, abhängig von der poetischen Atmosphäre, die aus dem Fluss der Musik entsteht, der wiederum einen eigenen Gedankengang darstellt. In weiterer Folge entstanden Übergänge, instrumentale Zwischenspiele und Perioden der Stille, die eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen Gedichten andeuten. Schließlich lag mir daran, eine musikalische Form zu entwickeln, die die Lyrik von Emily Dickinson zu verkörpern vermag – komplex, dramatisch und unvorhersehbar.

Epigramm I, II, III
entstand als Zyklus bestehend aus drei Teilen, die auch einzeln aufgeführt werden können. Epigramm I ist Donatienne Michel-Dansac gewidmet, Epigramm II Françoise und Jean-Philippe Billarant, und Epigram III Annie Clair-Dau.
—Franck Bedrossian, 2017

 in Werke
28 April 2018
20.00 Uhr
Witten, Steiner Schule Wittener Tage für neue Kammermusik Epigram UA UA

 

Franck Bedrossian — Epigram Ι - ΙΙΙ UA (Teil III)

   Text: Emily Dickinson
Ashley Fure — A Library on Lightning UA

Donatienne Michel-Dansac, Sopran
Lorelei Dowling, Fagott
Anders Nyqvist, Trompete
Uli Fussenegger, Kontrabass

Dirigent: Emilio Pomàrico

Die KomponistInnen über Ihre neuen Werke:
Franck Bedrossian — Epigram Ι - ΙΙΙ
Ashley Fure — A Library on Lightning


Das Konzert wird auf WDR live übertragen und kann nach der Sendung über den WDR 3 Konzertplayer 30 Tage lang nachgehört werden.

11 Juni 2018
20.30 Uhr
Paris, Centre Pompidou, IRCAM Manifeste Monologues

Sivan Eldar — You'll drown, dear

Juliette Raffin-Gay, Mezzosoprano

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Franck Bedrossian — Epigram

Rebecca Saunders — Skin

Juliet Fraser, Sopran
Donatienne Michel-Dansac, Sopran
Klangforum Wien
Dirigent: Titus Engel

Die KomponistInnen über ihre Stücke:
Franck Bedrossian — Epigram
Rebecca Saunders — Skin

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