Symposion-Szene auf einem attischen rotfigurigen Krater, Nikias-Maler, spätes 5. Jh. v. Chr.
Symposion-Szene, Nikias-Maler, spätes 5. Jh. v. Chr.

Zum Vergnügen trinken? Anleitungen zum Symposion von Sven Hartberger

Präliminarien zu Platos „Symposion“

Bevor die Teilnehmer an jener Zusammenkunft, deren Gespräche Plato unter dem unverbindlichen Titel des „Symposion“ protokolliert hat, sich über das eigentliche Thema des Abends, die Liebe nämlich, einigen, kommt es zu den folgenden bemerkenswerten Präliminarien:

Hierauf, erzählte Aristodemos weiter, nachdem Sokrates sich gelagert, und er und die andern abgespiesen, haben sie die Trankopfer und die Lobgesänge dem Dionysos und die anderen Gebräuche verrichtet und sich zum Trinken angelassen; wo nun Pausanias das Wort nahm und sagte. Ganz gut, Freunde! daß wir itzt trinken sollen: Aber wie wollen wir dies zum besten Vergnügen tun? Ich meinerseits gestehe: der gestrige Trunk hat mich nicht wenig angegriffen, und ich bedarf einer Erholung. Auch, denke ich, viele von euch; denn ihr wart gestern dabei. Denkt also darauf: wie wir am behaglichsten trinken können? Aristophanes nahm das Wort, du hast recht, Pausanias! Man soll alles tun, dem Trunk etwas Linderndes zu verschaffen; denn unter denen, die sich gestern überfüllt haben, bin auch ich. Nachdem diese sich so geäußert, sagte itzt Eryximachos, des Akumenos Sohn: Ihr redet in der Tat vortrefflich! Nur noch von einem unter euch, von Agathon, muss ich vernehmen: wie es mit ihm steht? Ob das viele Trinken ihm gut bekommt? Nichts weniger, war die Antwort, es ist auch mir nicht recht wohl. Das Glück, sagte Eryximachos, muss allem Anscheine nach uns, dem Aristodemos, dem Phaidros, mir und den anderen Gästen überaus hold sein, daß ihr, gewaltige Trinker! itzt absteht, denn wir sind immer Unvermögliche. Vom Sokrates rede ich nicht, weil er zum einen wie zum anderen gleich tüchtig ist; wir mögen uns hiemit zum viel oder zum wenig trinken entschließen, so wird es ihm recht sein. Da ich demnach glaube, es habe keiner der Anwesenden Lust viel zu trinken, kann ich wohl ohne sehr zu beleidigen, vom Berauschen die bare Wahrheit sagen. Ich glaube nämlich aus der Heilkunst, wenigsten soviel, deutlich einzusehen: daß das Berauschen dem Menschen schädlich ist; und weder ich könnte mit freiem Willen über das Maß hinaus trinken, noch einem anderen dazu raten, füraus, wenn er noch seit gestern einen dumpfen Kopf hat. Nun gut, sagte Phaidros, der Myrrhinusier, ich bin gewohnt dir zu folgen, füraus, wo du als Arzt redest; itzt aber sind auch die anderen willig dazu. Nach diesen Reden kamen alle darin überein: Man wolle diese Zusammenkunft nicht im Rausch zubringen, sondern, wie gesagt, zum Vergnügen trinken.1

Dem Verlauf, sowie dem endgültigen Beschluss dieser Verhandlungen entnehmen wir zuvorderst einmal dies, dass nämlich bei den (offenbar häufig stattfindenden) Symposia in der Regel nicht zum Vergnügen getrunken wurde. Wenn aber nicht zum Vergnügen getrunken wurde, so muss zur Erreichung eines bestimmten Zwecks getrunken worden sein, und der liegt ja auf der Hand, nämlich zum Zweck der Berauschung. Dazu später.

Weiters entnehmen wir dem Text, dass die Mehrzahl der Anwesenden auch am Vortag Gäste bei einem Symposion gewesen waren, und sich bei dieser Gelegenheit derart mit Wein überladen hatten, dass sie sich vom vortägigen Trunk auch am nächsten Abend noch angegriffen fühlten. So sagen es übereinstimmend alle drei Redner, Pausanias, Aristophanes und Agathon, die zu dieser Frage vernommen werden. Nun erst, nachdem das Faktum allgemeinen Unwohlseins auf Grund des vortägigen exzessiven Weingenusses festgestellt ist, wagt sich der anwesende Arzt, Eryximachos, nach einer vergleichsweise gewundenen und umständlichen Vorrede, mit seiner Meinung über die Schädlichkeit des Berauschens hervor. Er tut dies nicht nur mit größter Vorsicht, sondern betont auch noch ausdrücklich, er hoffe, diese Meinung äußern zu können, ohne dadurch sehr zu beleidigen.

Der Gesamtbefund ist vollkommen eindeutig:

Zum ersten: Bei den Symposia der alten Griechen wurde mit der ausdrücklichen Absicht der Berauschung getrunken.

Zum zweiten: Es stand keinem der Anwesenden frei, sich wahlweise zu betrinken oder nüchtern zu bleiben. Vielmehr bestand eine stillschweigende, allen Sympotai selbstverständliche Konvention über die allgemeine Pflicht zur Berauschung. Wer nicht genug trank, wurde dazu genötigt.

Und schließlich: Diese Konvention war so stark, dass ein Abgehen von ihr eine Art Tabubruch bedeutete. Ob ein solcher auch nur vorgeschlagen werden konnte, ohne missliebige Sanktionen durch die Gruppe der zum Symposion Gelagerten zu riskieren, musste vorsichtig tastend ausgelotet werden, wie wir aus dem von Plato überlieferten Präliminargespräch deutlich sehen.

In vino veritas

Es wurde also nicht zum Vergnügen getrunken, sondern mit dem expliziten Zweck der Berauschung. Und da die Berauschung ihrerseits offenbar nicht per se als Vergnügen empfunden wurde, war auch sie letztendlich nur Mittel zur Erreichung des eigentlichen Ziels, nämlich der Ermöglichung des wahrhaftigen Dialogs, des ehrlichen und vorbehaltlosen Sprechens miteinander.2

Die „Aletheia“, die Wahrhaftigkeit, die in mehreren literarischen Zeugnissen der Antike in Zusammenhang mit dem Wein gebracht wird, war nämlich zuallererst eine Eigenschaft, die einer Person beigelegt wurde. Diese noble Eigenschaft konnte aber keinesfalls darin bestehen, dass ein Trinker in Folge alkoholbedingten Kontrollverlustes unbeabsichtigt sein wahres Gesicht sehen ließ. In diesem sehr platten Sinn wird das Wort „in vino veritas“ vollkommen missverstanden. Wahrhaftiges Reden bedeutet ja gerade im Gegenteil: bewusstes und absichtsvolles Äußern der eigenen Gedanken. Dazu kommt noch die Forderung der Vollständigkeit. Der wahrhaft Redende sagt nicht nur nichts Unwahres, er verschweigt auch nichts.

In seinem wunderbaren Aufsatz „Wine and Truth in the Greek Symposion“ zitiert Wolfgang Rösler in diesem Sinne den Theokrit: „Jetzt, da wir betrunken sind, dürfen wir nichts auslassen. Ich meinerseits also will sagen, was im Innersten meines Herzens ist.“ Keine Verstellung, kein Taktieren, keine Ungenauigkeiten. Im Symposion wird wahrhaftig gesprochen, freimütig, über alles und jedes. Das Symposion ist der Ort der Wahrheit.

Der Wein aber öffnet die Herzen dazu. Er ist Teil des Rituals, der die Sympotai aus der Alltagswelt mit all ihren Verstellungen, kleinen Klugheiten und Geschicklichkeiten, falschen Rücksichten und Engherzigkeiten heraushebt. Man wählt einen besonders eingerichteten Raum zum Trinkgelage, man wäscht feierlich seine Hände, man windet sich einen Blumenkranz ins Haar. Dann lässt man sich zum Trinken an, damit der Wein uns reinige von Dummheit, Bosheit, schleichender Gemeinheit und uns bereit mache zur Wahrhaftigkeit.

Mit Anmut trinken

Damit er das vermag, muss er nun freilich mit Anmut getrunken werden. Der Trinker muss die gute Gabe bei jedem Schluck recht würdigen, ohne Hast und Gier sich am Wein in der richtigen Weise erfreuen, seine Farbe mit fröhlichem Sinn wahrnehmen, seinen Duft und Geschmack genießen, mit wacher Aufmerksamkeit die Veränderung betrachten, die der Wein an und in ihm vollbringt, und mit Bereitwilligkeit Stück um Stück des Panzers fallen lassen, den der Trunk von ihm lösen will, solange, bis er da steht, nackt und ungeschützt, bar jeder unredlichen Wehr, aber bei klarem

Verstand und in ungetrübtem Bewusstsein: endlich in der Lage, wahrhaftig zu sprechen.

Die Fähigkeit zu solch anmutigem Trinken erwirbt sich der Sympotes durch die Grundeinstellung, mit der er sich zum Gelage begibt. Er muss sich bereit machen zur Aletheia, und den Wein begreifen als einen hilfsbereiten Gefährten auf dem Weg zu ihr.

Hier schließt sich der Kreis. Denn am Beginn des von Plato protokollierten Symposion wird zwar der kraft ständiger Konvention selbstverständlich bestehende Trinkzwang sistiert, aber beim Reden über das sehr intime Thema des Abends wird offenkundig auch ohne ausdrückliche Verpflichtung tapfer gezecht. Der letzte Sprecher, Alkibiades, nämlich, als er zum heiklen und ihn persönlich betreffenden Punkt seiner Rede kommt, sagt ausdrücklich, dass das, was er nun zu erzählen sich anschicke, man wohl nicht von ihm hören würde, hätte nicht der Wein schon seine gute Wirkung auf ihn getan. – Dem Sokrates aber kann es der Alkibiades auch so noch nicht recht machen, und er äußert (trotz einvernehmlich aufgehobener Rauschpflicht) im Ton des äußersten Vorwurfs, er verdächtige den Alkibiades, dieser wäre am Ende gar nüchtern; wie sonst könne er um den heißen Brei herumgeredet und den – auf die Erreichung eines persönlichen Interesses gerichteten – Hauptzweck seiner Rede zu verschleiern gesucht haben...

Da aber sei Dionysos vor, dass nicht der schnöde Eigennutz vergessen und dem Apoll mit Aufrichtigkeit geopfert werde. Schon glänzt der Wein im goldenen Pokale...
—Sven Hartberger, 2018

 

1 Plato, Das Gastmahl oder von der Liebe ein Gespräch, S. 15ff. Aus dem Griechischen übersetzt von G. Schultheß, Sohn, 1782; Neuausgabe im Taurusverlag zu Wien, 1950.
2 Wolfgang Rösler, Wine and Truth in the Greek Symposion, S. 106 ff., in: Oswyn Murray & Manuela Tecusan (Hrsg.), In vino veritas, London, 1995.

 in Features
25 Januar 2019
17.00 Uhr
Wien, MuseumsQuartier Halle E netzzeit/out of control Symposion. Ein Rausch in acht Abteilungen

Ein achtstündiges Hörerlebnis nach Vorbild athenischer Symposia, bei dem Pölster, Futons und bequeme Sitzgelegenheiten eine Installation bilden, und den Gästen in längeren Pausen Speisen und Weine gereicht werden.

Gustav Mahler — Das Trinklied vom Jammer der Erde
Dieter Ammann — Le réseau de reprises
Salvatore Sciarrino — Let Me Die Before I Wake
Bernd Richard Deutsch — Dr. Futurity
Klaus Lang — der pythagoräische fächer.

Beat Furrer — linea dell’orizzonte
Enno Poppe — Speicher I

Clara Iannotta — Il colore dell'ombra
Iannis Xenakis — Psappha
Terry Riley — in C
Roman Haubenstock-Ramati — Konstellation


Nora Scheidl, Ausstattung
Michael Scheidl, Inszenierung
Sascha Emanuel Kramer, Tenor
Klaus Lang, Harmonium
Bernhard Zachhuber, Klarinette
Björn Wilker, Schlagwerk
Peter Böhm, Klangregie

Dirigent: Johannes Kalitzke


AUSVERKAUFT

Beginn: 17.00 Uhr, Ende: nach Mitternacht
Eintritt: 115 Euro / ermäßigt: 95 Euro (für Ö1-Club-Mitglieder, AbonnentInnen von DER STANDARD & StudentInnen).

Im Eintrittspreis sind das sechsgängige Menu und alle Weine inbegriffen.

Karten ausschließlich:
Ticket- & Service-Center des Wiener Konzerthauses
Lothringenstr. 20, 1030 Wien, T +43 1 242 002 (mit Kreditkarte)
ticket@konzerthaus.at

 

Eine Produktion von netzzeit mit dem Klangforum Wien.

26 Januar 2019
17.00 Uhr
Wien, MuseumsQuartier Halle E netzzeit/out of control Symposion. Ein Rausch in acht Abteilungen

Ein achtstündiges Hörerlebnis nach Vorbild athenischer Symposia, bei dem Pölster, Futons und bequeme Sitzgelegenheiten eine Installation bilden, und den Gästen in längeren Pausen Speisen und Weine gereicht werden.

Gustav Mahler — Das Trinklied vom Jammer der Erde
Dieter Ammann — Le réseau de reprises
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Roman Haubenstock-Ramati — Konstellationen


Nora Scheidl, Ausstattung
Michael Scheidl, Inszenierung
Sascha Emanuel Kramer, Tenor
Klaus Lang, Harmonium
Bernhard Zachhuber, Klarinette
Björn Wilker, Schlagwerk
Peter Böhm, Klangregie
Dirigent: Johannes Kalitzke

Beginn: 17.00 Uhr, Ende: nach Mitternacht

Eintritt: 115 Euro / ermäßigt: 95 Euro (für Ö1-Club-Mitglieder, AbonnentInnen von DER STANDARD & StudentInnen).

Im Eintrittspreis sind das sechsgängige Menu und alle Weine inbegriffen.

Karten ausschließlich bei:
Ticket- & Service-Center des Wiener Konzerthauses
Lothringenstr. 20, 1030 Wien, T +43 1 242 002 (mit Kreditkarte)
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Eine Produktion von netzzeit mit dem Klangforum Wien.

22 Februar 2019
17.00 Uhr
Wien, MuseumsQuartier Halle E netzzeit/out of control Symposion. Ein Rausch in acht Abteilungen

Ein achtstündiges Hörerlebnis nach Vorbild athenischer Symposia, bei dem Pölster, Futons und bequeme Sitzgelegenheiten eine Installation bilden, und den Gästen in längeren Pausen Speisen und Weine gereicht werden.

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Roman Haubenstock-Ramati — Konstellationen


Nora Scheidl, Ausstattung
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Aleksey Vylegzhanin, Orgel
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Dirigent: Johannes Kalitzke

Beginn: 17.00 Uhr, Ende: nach Mitternacht
Eintritt: 115 Euro / ermäßigt: 95 Euro (für Ö1-Club-Mitglieder, AbonnentInnen von DER STANDARD & StudentInnen).

Im Eintrittspreis sind das sechsgängige Menu und alle Weine inbegriffen.

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23 Februar 2019
17.00 Uhr
Wien, MuseumsQuartier Halle E netzzeit/out of control Symposion. Ein Rausch in acht Abteilungen

Ein achtstündiges Hörerlebnis nach Vorbild athenischer Symposia, bei dem Pölster, Futons und bequeme Sitzgelegenheiten eine Installation bilden, und den Gästen in längeren Pausen Speisen und Weine gereicht werden.

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Beginn: 17.00 Uhr, Ende: nach Mitternacht
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