Michael Wertmüller — discorde
Michael Wertmüller © Leohnhard Mühlheim
Michael Wertmüller © Leohnhard Mühlheim

One day I will dance to your music.
(King Buzzo)

Um eins gleich vorauszuschicken - Class Struggle klingt einfach gut! Natürlich können wir nicht in diesem Kontext von einem Klassenkampf im Marx´schen Sinn sprechen, nicht von philosophischen oder revolutionären Ansätzen, sondern einfach von gegensätzlichen musikalischen Herangehensweisen, Denkarten, Vorlieben, Geschmäckern, Antagonismen.

Als ich mit meiner ersten eigenen Band in der Roten Fabrik in Zürich ein Doppelkonzert mit den Melvins spielen durfte, war ich noch richtig jung. The Melvins galten schon damals als die beste Rockband aller Zeiten, auf der ganzen Welt und im Universum, und so ist es noch jetzt. Kurt Cobain war vor seiner Nirvana Zeit der Roadie der Band. Absolute Grundge Coolness aus Seattle. Meine Band hiess Alboth! und wir galten in Zürich als  Berner Bildungsbürgersöhnchen, die so komische 12ton Jazzrockmusik macht; diese Stücke waren meine ersten kompositorischen Versuche. Tatsächlich kamen wir alle frisch von der Musikhochschule, aber wir haben von Anfang an den Dreck der Strasse abgekriegt, unzählige, kaum bezahlte Gigs in italienischen, französischen, US amerikanischen und spanischen Squats gespielt, beim ersten Konzert in NY auf der Bühne im Club im bei Minus 15 Grad im Schlagzeugteppich eingerollt geschlafen etc. Jedenfalls gab es ein paar Artikel in den Feuilletons, man hatte gemerkt, dass wir da eine eigenartige 12ton Musik spielen, „Schönberg auf Speed“ war ein Etikett.
Und da hing nun zur Annonce unseres Konzertes in Zürich ein riesiges Plakat mit der Überschrift:

MELVINS VS. ALBOTH!
AN EVENING OF REAL CLASS STRUGGLE

Ausverkauftes Haus also, ich war dermassen motiviert, dass ich gleich im ersten Stück meine Snare gesprengt habe. An Ersatz habe ich natürlich nicht gedacht gehabt, ich spielte einfach weiter, auf dem 12“ Hängetom anstatt der Snare bis der Roadie der Melvins mir ein Zeichen gab, nach dem Stück hinter die Bühne zu kommen. Da bin ich also hingeeilt und da stand der Superdrummer Dale Crover und drückte mir seine Snare in die Hand. King Buzzo stand neben ihm und raunte mir zu:

one day I will dance to your music.

Das ist die kleine Vorgeschichte zum Titel und gleichzeitig ein Paradigma der Entstehung meiner Musik.
Während meiner Zeit als Pauker/Perkussionist in den Sinfonieorchestern und als Kompositionsstudent (vornehmlich wurde die serielle Musik seziert) bei Dieter Schnebel habe ich in den wildesten Jazz- und Rockbands gespielt, schon früh und bis heute mit Peter Brötzmann. Zwischen diesen Polen gibt es bis heute eine dämmrige Schnittmenge aus definitorischer Unschärfe, fachlicher Unkenntnis und Vorurteilen. Betrachtet man die zeitgenössische Musik in ihrer ganzen Bandbreite, so haben sich genreübergreifend über die letzten Jahre neue Stile und Spielweisen entwickelt, die sich der einfachen Kategorisierung entziehen. Die Kontakte zwischen den Sparten sind dennoch spärlich. Gerade Musiker aus dem Bereich der Neuen Musik beschäftigen sich eher selten mit den Extremen von Rock und Jazz, Avantgarde und Hardcore, Spielarten des Techno und improvisierter Musik.

Diese Antagonismen haben mich immer schon interessiert. Strenges kompositorisches, ja serielles Denken und pures musikantisches Spiel vereinigen, Neue Musik und Jazz, ideologisch betonierte Gräben zwischen den Genres wegdenken. Das ist für mich der richtige Ansatz dieser Klangform Wien_Steamboat Switzerland Kollaboration.

Dass ich die Musiker von „Steamboat Switzerland“ treffen musste, erscheint in der kleinen Schweiz zwangsläufig. Das „Hammond Avantcore Trio“, wie sich Dominik Blum, Marino Pliakas  und Lucas Niggli nennen, gilt seit Jahren als die spannendste Band, welche sich im Grenzgebiet zwischen Neuer Musik, Rock und Improvisation betätigt. Auch ihre Musik entzieht sich dem Schubladendenken. Mit einem fulminanten Wissen im Bereich der zeitgenössischen wie auch klassischen Musik ausgestattet, bewegen sich die drei Musiker souverän in den ungestalten Zonen zwischen den Gattungsgrenzen.
Steamboat Switzerland negiert die Trennung zwischen Komposition und Improvisation, zwischen „U-„ und „E-Musik“, sie bewegt sich auf einer musikalischen Meta-Ebene und umgeht die herkömmlichen Genre-Inseln. Das ist quasi zwischen Stuhl und Bank der „Neuer Musik“ oder „Ernster Musik“ und Jazz oder Rock.

Den Schlagzeuger Niggli lernte ich im Schweizer Jugendsinfonie-Orchester kennen. Ende der neunziger Jahre spielte er in meinem Schlagzeug Sextett, wir beäugten eine Weile die gegenseitige Entwicklung, bis Steamboat Switzerland 2001 anläßlich des Taktlos Festivals in Bern die Komposition der „Stücke I – VII“ bestellte. Seitdem arbeiten wir in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder zusammen. Mit dem Bassisten Pliakas u.a . mit Caspar Brötzmann, John Cale und in der Konzertreihe „noch#“ an der Akademie der Künste Berlin und seit 2004 mit Peter Brötzmann  im  „Full Blast“ Trio. Steamboat Switzerland beauftragte mich mit weiteren Kompositionen ( 2004 „z-rat. I – V“, 2007 „die zeit. Durchführung.“ MaerzMusik Berlin und 2009 „time_involved in processing.“ Musica Viva München. In den Opern „Anschlag“, Lucerne Festival 2013 und „weine nicht, singe“ , Hamburgische Staatsoper 2015, waren sie das Kernensemble. Beim Lucerne Festival 2010 wurde das Orchesterwerk „Zeitkugel“ mit Dominik Blum als Solo-Pianisten/Organisten uraufgeführt.

Im Herbst 2013 veranstaltete „Jeunesse Wien“ ein 3-tägiges Special meiner Musik im Wiener Porgy&Bess Club; das war der Auslöser der Beziehung zum Klangforum Wien. Dort wurden  meine „gegensätzlichen“ musikalischen Welten präsentiert, die Jazz/Rock Angelegenheiten sowie die streng komponierte „E-Musik“, die Steamboat Switzerland spielte. Es war also naheliegend, dass man mit Musikern des Klangforum, welche im Publikum waren, in Kontakt kam.
Auch naheliegend natürlich die Idee, die beiden Ensembles in eine Verbindung zu setzen, natürlich in Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Titus Engel, der in allen Polen zu Hause ist, ein Klangforum und Steamboat Besieger/Sieger.

Das Stück ist ein Triptychon geworden mit einem in picture picture.
Angeregt durch das Video des Stückes „walk this way“ von RUN DMC und Aerosmith.
Die zwei Bands unterschiedlichen Stils haben ihre Proberäume nebeneinander, beide stören sich während des Übens gegenseitig, hauen und schlagen genervt die Wände ein, um zu merken, dass man eigentlich, legt man die beiden Musiken zusammen, etwas ganz Neues kreieren kann.
Nun, ganz so pathetisch geht es hier natürlich nicht zu, dennoch - im ersten Bild, „discorde tryp_a“  baut sich alles um eine 12-tönige Melodie, resp. Allintervallreihe im eher traditionellen Neue Musik Stil um das Klangforum auf. Die Reihe wird 12 mal permutiert und diminuiert, bei jeder Modulation ergibt sich ein neues, beschleunigtes Tempo. Das Stück wird während genau 4´29“ vom Tempo MM=60 auf Tempo MM=322 beschleunigt. In „discorde tryp_b“ wird das Tempo direkt übernommen und führt mittels einer Tempomodulation in ein komplexes quasi Swingfeeling. Polymetrische und harmonische Überlagerungen sollen den Eindruck der Verschmelzung der Stile des KF und SS vermitteln und SS übernimmt nach und nach quasi die Leadfunktion, welche in „in picture picture“ vollends voll zum Ausbruch kommt. „discorde tryp_c“ dann ist die Verschmelzung. Ein massives Tutti. Eine grosse Acceleration mit der immer noch gleichen Allintervallreihe des „tryp_a“ über die Stufen der Zimmermann´schen Stockhausen´schen Tempotemperierung.

Ich glaube nicht, dass man jemals zu meiner Musik tanzen wird, ebenso wenig wird man Schönberg auf der Strasse pfeifen, aber mit einer Qualität von Musikern wie Pliakas, Blum, Niggli, Fussenegger, Nyqvist, Tarrete, Schiske, Furrer etc. gespielt, ist Bewegung möglich.
Das Kunststück ist also die konzise Schärfe, Stringenz und Präzision der klassisch romantisch seriellen Komposition mit dem darin gegossenen freien Geist des Jazz in „Ein(en)-Klang“ zu bringen, der Crossover überwindet und eine Stimme schafft.

Es geht um die Überschreitung, um den Exzess. Solche Ausbrüche ins Unbekannte, ins Noch-Nicht-Ausprobierte laufen mit einer gewissen Notwendigkeit auf ein Desaster hinaus.
So ein class struggle ist auf eine Art auch schizophren, ist auch Zwietracht, Zerrissenheit. Nicht immer weiß man, wohin das alles geht und in dieser Überraschung, dem Erstaunen öffnet sich erst der Raum für das eigentlich Neue.

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