Weimar-Leningrad/ Die verdrängte Avant-Garde

Aus dem auf den Ersten Weltkrieg folgenden politischen Chaos entstand in Deutschland unter der neuen Weimarer Republik und in Russland nach der bolschewistischen Revolution eine Vielfalt von musikalischen Strömungen, die, vom Dadaismus bis zur Neuen Sachlichkeit und von der Zweiten Wiener Schule bis zur Entstehung des Jazz in der E-Musik zu Anfang der dreißiger Jahren, eine ausgesprochen reichhaltige Entwicklung erfährt. Unter der Radikalisierung der aufsteigenden autoritären Ideologien, die in der UdSSR schon an der Macht oder in Deutschland auf dem Weg zur Machteroberung waren, ist 1932-33 diese befreiende Kreativität zum Untergang verurteilt. Im Namen des neuen nationalsozialistischen oder sowjetischen Menschen wird die Avantgarde in beiden Ländern gleichzeitig mundtot gemacht, die eine aus rassistischen und politischen Gründen, die andere im Namen des sozialistischen Realismus. Die Folgen sind bekannt: das Exil oder die Verschleppung der Komponisten, die Unterdrückung und das spätere Vergessen ihrer Werke.

Nicht irgendein Recht auf Gedächtnis ist der Grund, aus dem das Werk dieser Komponisten Gehör finden soll, sondern die Bedeutung ihres musikalischen Schaffens und auch das Versprechen der Erneuerung, das ihre Kompositionen für die moderne kulturelle Welt darstellen. Ihre Musik wurde in einer Periode der wirtschaftlichen und geistigen Not geschaffen, die unserer aktuellen Situation in vielem frappant ähnlich ist, und sie vertritt Prinzipien, die eine enge Resonanz mit unserer Gesellschaft finden: Verdinglichung, Freiheit, Entfremdung, Utopie.

Verschleppt wie Roslawez, ins Exil getrieben wie Stefan Wolpe (in die USA) oder  Obuchow (nach Frankreich), oder ins innere Exil gezwungen wie Hartmann oder Schostakowitsch, sind alle diese Schaffenden fehlende Glieder innerhalb der Modernität.

Ziel dieser vom „Erstickte Stimmen – Forum Wien veranstalteten Konzertreihe im Rahmen der Serie „Echo des Unerhörten“ im RadioKulturhaus ist es, diese Kreativität wieder ins Leben zu rufen. (Amaury du Closel)

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