Diana Soh – iota

In einem Konzert gilt mein Interesse nicht nur dem Zuhören, sondern auch der Beobachtung von Bewegungen und Gesten der Kommunikation zwischen den Interpreten.

Ich interessiere mich nicht nur für die klanglichen Möglichkeiten des musikalischen Materials und seiner weiteren Entwicklung, sondern auch für die Dramaturgie der schließlich stattfindenden physischen Aufführung und dafür, wie das Material durch den Musiker verkörpert wird. Selbstverständlich spielt Theatralik – allerdings nur als klangliche Notwendigkeit – eine wichtige Rolle in meiner Musik.

Komponieren stellt für mich eine Möglichkeit dar, neue aufregende Erfahrungen zu machen, ständig etwas über Musik dazuzulernen – und unsere Welt zu verstehen. Die Arbeit als Komponistin muss mich emotionell berühren, intellektuell stimulieren und ein ständiger Lernprozess sein. In diesem Sinne versuche ich stets, unterschiedliche Komponierweisen ausfindig zu machen, neue Methoden, mich mit dem Material auseinanderzusetzen und mit verschiedenen Ensembles zusammenzuarbeiten – und nicht zuletzt, unterschiedliche Disziplinen wie Film oder interaktives Video auszuloten, in denen Klang eine wieder andere Rolle spielt.

In dem Stück iota für das Klangforum Wien wollte ich kontinuierlich eine Vielzahl von Veränderungen der Klangfarbe entwickeln, indem ich mich am Ausgangspunkt kleiner Anschläge bediene und die Kombination verschiedener Instrumenten dazu benütze, eine aus vielen Teilen zusammengesetzte melodische und rhythmische Linie zu gestalten.

Ich wollte außerdem ein Werk schreiben, das durch einen klaren Puls/Groove charakterisiert ist.

Die Idee war, kleinste „unwichtige“ Details herzunehmen und zu einer größeren, umfassenden Vielfalt zusammenzusetzen. Die Melodielinien sind oft ganz kurz und auf verschiedene Instrumente aufgeteilt; um sie zu verstehen, muss man den Gesamtklang des Ensembles erfassen. (Klangfarbenmelodie, wenn man so will).

Im Chinesischen verkörpert jeder Strich eines Zeichens die Energie und Bewegung, die dem physischen Akt des Schreibens innewohnt. Je nach Kombination entsteht daher ein graphisches Symbol – ein Schriftzeichen – aus dessen Form wir seinen Begriffsinhalt und sehr oft auch seine Bedeutung ableiten können.
Sprachlich gesehen verändert ihre Kombination zuweilen den Sinn der Zeichen, die so eine kontextuelle Bedeutung erhalten.
Nehmen wir zum Beispiel den chinesischen Namen für den kleinsten kalligraphischen Strich (点diǎn); in Kombination mit anderen Schriftzeichen kann das bedeuten:
erleuchten  - (点亮) diǎn liàng
hervorheben, markieren -  (亮点) liàng diǎn
Ursprung, Herkunft -  (原点) yuán diǎn
Ziel(punkt), Bestimmungsort -  (终点) zhōng diǎn
Für mich sind alle diese Ideen von “unwichtigen” Details und Dingen, die ich kombinieren kann, um eine starke und größere, umfassende Vielfalt zu erzeugen, schön und erhebend; speziell angesichts der heutigen Weltlage.

Im Geiste dieser Vorstellungen habe ich begonnen, iota zu schreiben.

(Diana Soh, 2016))

Top