Benjamin Scheuer — Nouveaux Agréments
Benjamin Scheuer, Fiktive Verzierungen
Benjamin Scheuer, Fiktive Verzierungen

Nouveaux Agréments sind im Rahmen einer Residenz im Ernst Krenek-Institut in Krems und inspiriert durch die Beschäftigung mit dem Werk des österreichisch-amerikanischen Komponisten entstanden. Krenek zeigt in seinen Werken stets eine große Offenheit für die Innovationen und Denkweisen seiner Zeit. In seinen Welterfolg, die Jazz-Oper Jonny spielt auf, integriert er Elemente der zeitgenössischen Popularkultur. Musik darf bei ihm unterhalten. Doch auch die Zwölftontechnik findet in vielen seiner Werke Anwendung. Bedeutend für mich war außerdem, dass Krenek sich schon in den 50er-Jahren mit elektronischer Musik beschäftigte – er arbeitete mit einem eigenen Synthesizer und verwendete Zuspielungen. Trotz der Offenheit für all das Neue blieb er immer in der Tradition verankert, radikale Wege wie Schönberg, Webern oder später Stockhausen schlug er nicht wirklich ein. Dieser Widerspruch ist in gewisser Weise charakteristisch für Kreneks Werk und soll auch die Ausgangsidee für das Ensemblestück Nouveaux Agréments liefern. Hier werden einzelne Elemente historischer Musiziertradition aus einem zeitgenössischen Blickwinkel re-interpretiert. Ausgangspunkt sind dabei, in Anlehnung an den Spätbarock, fiktive Ornamente als eine Art Persiflage auf die französischen Agréments.

Die Ornamente waren eine Möglichkeit für den Interpreten, den vom Komponisten vorgegebenen Notentext zu variieren und unter Einhaltung der Regeln der jeweiligen Stilistik bis zu einem gewissen Grad darüber zu improvisieren. Verzierungen bieten auf diese Weise eine besondere Möglichkeit der individuellen Aneignung des Materials: Sie erlauben dem Ausführenden, seine Persönlichkeit in eine Komposition einzuschreiben. Ausgangspunkt für Nouveaux Agréments sind einige längere Tapes, die aus Improvisationen auf dem Klavier, der Lotusflöte und dem japanischen elektronischen Instrument Otamatone entstanden sind. Wir haben es mit großen Blöcken von rohem Material zu tun, an denen wir uns wie ein Bildhauer abarbeiten: Es können verzierte Linien in sie eingemeißelt werden. Oder sie können am Stück verwendet und mit anderen Elementen in neue Kontexte arrangiert werden. Verzierungen können auch unter die Oberfläche injiziert werden und so die Grundraster der Blöcke verdrehen. Die Nouveaux Agréments wurden in mehreren Schichten komponiert: In jeder neuen Überzeichnung wurden Verzierungen hinzugefügt und das Material immer wieder neu belebt. Ein „zeitgemäßes“ Ornament darf sich dabei nicht nur auf die Veränderung von Melodik und Harmonik beschränken, sondern es müssen auch andere Parameter berücksichtigt werden: Es gibt Agréments, die einen stabil gehaltenen Ton nervös zum Zittern bringen, die Spieler hyperventilieren lassen, den Klang in eine fahle Richtung umfärben oder mit Schluckauf- und Panikattacken die musikalischen Abläufe stören.

Die Arbeit mit den Verzierungen ist im Grunde ein Gedankenexperiment an einem relativ frühen Zeitpunkt während des Entstehungsprozesses des Stücks. An manchen Stellen sind die Auswirkungen der Ornamente klar zu erkennen: wenn einzelne Spieler Tapes doppeln und dabei immer wieder Variationen ergänzen. Die Tapeblöcke werden gegen vom Spieler mit Verzierungen belebtes Material gestellt. Das Otamatone-Solo im zweiten Teil des Stücks besteht eigentlich nur aus einem Ablauf von verschiedenen, langen Glissandi, die von so vielen Veränderungen durchzogen werden, dass die Linien ständig von absurden Ornamenten unterbrochen werden. An anderen Stellen sind die Agréments aber so stark in das Material eingraviert, dass sich kaum unterscheiden lässt, welches Element Original und welches Variante ist. Im Endeffekt sind die Verzierungen eine Methode kompositorischen Ideenanstoßes – ein Mittel zum Zweck. Wenn die Maschinerie erst einmal ins Rollen geraten ist, werden sie als Belebungsmittel weniger gebraucht – zum Schluss sind sie dann ganz verschwunden. (Benjamin Scheuer, 2016)

Uraufführung: 30. September 2016, Wien

Alle zwei Jahre vergibt das Ernst Krenek Institut in Kooperation mit der impuls. Festival- und Komponistenakademie und dem Klangforum Wien einen Kompositionsauftrag, verbunden mit einem Aufenthalt am Ernst Krenek Institut in Krems. Im vergangenen Jahr fiel die Wahl auf Benjamin Scheuer.

Top