Eva Reiter – Noch sind wir ein Wort…

Eva Reiter – Noch sind wir ein Wort…

Portrait Eva Reiter © Moritz Schell
(c) Moritz Schell

Es sind subtile soziale Prozesse, die mich heute beschäftigen. Schon seit einiger Zeit spielt die Faszination über die Beschaffenheit und Motivation des eigenen Handelns sowie über den vielschichtigen Begriff sozialer Interaktion eine maßgebliche Rolle in meiner kompositorischen Arbeit. So hat mich auch im Falle meines aktuellen Werkes Noch sind wir ein Wort... die eingehende Beschäftigung mit den Fragen nach „kollektiver“ und „individueller“ Identität zu der recht ungewöhnlichen Disposition eines Solisten-Duetts und eines zehnköpfigen Musikerchores geführt.

Der Chor übernimmt mit Blick auf das inhaltliche Setting in seiner kollektiven Rolle eine entscheidende Funktion und inszeniert sich – ähnlich dem griechischen Theaterchor – zunehmend als Instanz. Immer wieder treten einzelne solistische Stimmen aus dem Chorischen hervor, doch im Grunde repräsentiert und beansprucht das Sprecherkollektiv die Dimension der alleinigen Realität und Wahrheit für sich. Betrachtet man diese Situation aus der Perspektive Friedrich Nietzsches, so ist die dramatische Handlung und sind ihre Protagonisten ursprünglich insofern nur als Vision zu sehen, als die Szene mit allen solistischen und kollektiven Aktionen auf der Bühne (wie im Rahmen dieser Vision) vom Chor erzeugt und konstruiert wird. Die Handlung lässt sich beschreiben als Weg des Individuums zurück in die „Einheit alles Vorhandenen“. Überträgt man diese Ideenwelt nun auf die klingende Realität dieser Komposition, so wird klar, dass auch hier die solistisch geführten Instrumente in ihrer so individuellen Sprache aus der kollektiven Klangmasse konstituiert wurden. Vom Zeitpunkt ihres Erklingens, stehen sie mit dem chorisch besetzten Tutti in einer gleichsam dialektischen Disposition. Der Chor entwirft das Format des solistischen Instruments und hat dennoch – als Form und Kraft des Kollektivs – stets ein ausgeprägtes Interesse daran, alles in sich wiederaufzunehmen, den Weg aus der Individuation in die Einheit zurückzuführen.

Eine dabei wirksame Form der klanglichen Materialgestaltung bildete die Transformation von Sprache zu Klang sowie umgekehrt die Entwicklung einer neuen „Klangsprache“ – im Sinne einer phonemischen Struktur – aus dieser intensiven Analyse instrumentaler Artikulationsmöglichkeiten.

Die Musiker des Chores sind mit unterschiedlich langen – insgesamt chromatisch über drei Oktaven gestimmten – Sprachrohren ausgestattet und agieren zusätzlich noch mit anderen Hilfsmitteln (wie Vuvuzelas, Voice Changers u. ä.), um das rhetorische Material zum Ausdruck zu bringen.

Am Beginn werden die zu Grunde liegenden klanglich-phonemischen Bausteine vorwiegend aus bestehenden Silben zu generieren versucht, die unterschiedlichen Textfragmenten entnommen sind. Später aber dreht sich die Situation um: Der Chor imitiert zunehmend sprachlich jenes Material, das sich instrumentenspezifisch am „besten“ entwickelt hat und findet so zu einer neuen Sprache.

Sei es im Sinne der Idee des griechischen Chors, sei es in der alltäglichen Situation der kollektiven Gemeinschaft – wie auch in der grundlegenden Konstitution eines Musikerensembles –, so kann dieses Stück als Ergebnis eines Experimentierfeldes für individuell motiviertes Handeln versus kollektiv motivierter Aktion verstanden werden. Damit wird also ein Spannungsverhältnis reflektiert, welches nicht nur die subtilsten sozialen Interaktionen, sondern auch unser Selbstverständnis, die Vorstellung und Bewertung unserer Handlungen zu bestimmen vermag.
(Eva Reiter, 2016)

Top