Bernhard Lang — ParZeFool – Der Tumbe Thor
Portrait Jonathan Meese 2016 © Jan Bauer Photography

Der Parsifal ist heute, einhundertfünfunddreißig Jahre nach seiner Uraufführung im Festspielhaus von Bayreuth, vor allen Dingen eines: eine enorme, ungeheuere Textmasse. ...

... Für seine Neukomposition hat sich Bernhard Lang für die Erhaltung der Gesangslinien und der auf einem vierstimmigen Satz basierenden harmonischen Struktur der Parsifal-Komposition entschieden. ...


Der Parsifal ist heute, einhundertfünfunddreißig Jahre nach seiner Uraufführung im Festspielhaus von Bayreuth, vor allen Dingen eines: eine enorme, ungeheuere Textmasse. Das war er schon 1882, und von Anfang an konnte nur eine sehr naive und am Gesamtwerk und seinem Gehalt in Wahrheit desinteressierte Lesart dieser gewaltigen Partitur sich mit der möglichst schlichten Bühnendarstellung von Dichtung und Notentext begnügen. Diese waren schon damals nicht mehr als ein – freilich enormes – Vorgebirge, dessen gewaltige Ausmaße wohl geeignet sind, den Blick auf das Massiv der hinter ihnen sich erhebenden philosophischen, psychologischen, religiösen, mythologischen, sprachmystischen, sexualmagischen und anderer Subtexte zu verstellen, welche die eigentliche Erzählung des von Richard Wagner in durchaus irreführender Weise zum „Bühnenweihfestspiel“ verharmlosten skandalösen Werkes ausmachen.

Verwandlung dieses Erinnerten, Weiterführung, Erhellung verborgener und vielleicht auch widersprüchlicher Tendenzen, kurz: die Interpretation des Werkes, die uns nicht nur erlaubt, sondern die von uns gefordert ist, wenn unser Erleben des Parsifal anderes und mehr sein soll als eine jährliche Andachtsübung für Opernfreunde, kann nicht bei der nur oberflächlich und scheinbar werkgetreuen Wiedergabe einer im späten 19. Jahrhundert versteinerten Partitur haltmachen. Sie muß ganz im Gegenteil am Werk selbst ansetzen.

Für seine Neukomposition hat sich Bernhard Lang für die Erhaltung der Gesangslinien und der auf einem vierstimmigen Satz basierenden harmonischen Struktur der Parsifal-Komposition entschieden. Das schon in Wagners Musik deutlich erkennbare spektrale Denken wird in der kompositorischen Interpretation durch die Erweiterung des harmonischen Konzepts deutlicher erfahrbar gemacht. Dies geschieht durch die in unterschiedlicher, changierender Intensität hörbar werdende Notation der jeweils sechs Differenz- und Summationstöne der Grundstruktur. Erhalten sind auch die Großstruktur des Werks, seine Zeitgestalt und seine dramaturgischen Proportionen.

Für die Neulektüre des Textes hat Bernhard Lang die Technik der eidetischen Reduktion gewählt. Dieser Filterprozeß, der die in den historischen, neuen und neuesten Subtexten zu Wagners Dichtung zu suchende Kernaussage freilegt und deutlich macht, führt zu einer Verknappung des Textes auf Schlüsselsätze und zentrale Begriffe. Das fallweise Aufleuchten von Fremdartigem in Sprache und Musik der Neudichtung hat unterschiedliche Funktionen: das andersartige, kühlere Pathos des Englischen ist dem Amfortas zugewiesen, das Altgriechische charakterisiert die antikische Funktion des Chors, das Französische für die Blumenmädchen ist auch eine kleine Hommage an Judith Gautier, Jazz-Elemente evozieren das Magische, Bedrohlich-Andere, Erotische von Klingsors Welt.

Wenn der Einsatz dieser Farben im Wesentlichen ein dramaturgischer Kunstgriff ist, haben die wenigen, beinahe unauffälligen Eingriffe in den Text entschieden größere inhaltliche Sprengkraft. Auch dort, wo sie die Aussage des Originals in ihr Gegenteil zu verkehren scheinen, akzentuieren sie tatsächlich nur eine Tendenz, die in Wahrheit schon in der Vorlage angelegt ist. Wenn etwa Amfortas auf die Frage des Toren nach dem Wesen des Grals nicht geheimnisvoll-raunend auf ein unaussprechliches Geheimnis verweist („Das sagt sich nicht“), sondern ihm unmißverständlich die Preisgabe eines ihm selbst sehr wohl zugänglichen Geheimwissens („Das sage ich nicht“) verweigert, ist das keine grundsätzlich neue Facette der Bruderschaft und ihres Meisters, es setzt nur einen Aspekt des militanten Männerordens, der ein geheimnisvolles Heiligtum hütet, in ein helleres Licht.

Auch an einer Schlüsselstelle des zweiten Aktes greift Bernhard Lang in die Textvorlage ein. Das große gnostische Versprechen Kundrys: Bekenntnis wird Schuld in Reue enden, Erkenntnis in Sinn die Torheit wenden ... wird psychoanalytisch neu formuliert: – „Bekenntnis wird dich vom Schuldgefühl erlösen, Erkenntnis wird Sinn in Narrheit finden ...“ – und bereitet so das Finale des Akts vor, in dem nicht nur Parsifal ihr, sondern auch sie ihm in einem nunmehr gemeinsam gesungenen: „Du weißt, wo Du mich wiederfinden kannst!“ Erkenntnis und Erlösung verspricht. Dieser nicht nur in Hinblick auf die Geschlechterrollen sondern in einem umfassenden Sinn emanzipatorische Ansatz von Bernhard Langs Neulektüre wird im letzten Akt konsequent weiterverfolgt, wenn es nicht Gurnemanz ist, sondern Kundry, von der Parsifal die Salbung seines Hauptes verlangt, „que maintenant, ma bien aimée me purifie la tête“, die beide einander schließlich gegenseitig gewähren: „Sois béni, Folle/Fou, par la Drogue pure“, und die in einer kleinen Verschiebung im Schlußgebet gipfelt, mit dem das Werk endet: „Erlösung von Erlösern!“

Mit seiner Neukomposition des Parsifal hat Bernhard Lang nun seinerseits ein Werk geschaffen, das selbst wieder der Lektüre, der Deutung, dem lebendigen Weiterdenken unterliegt. Jonathan Meese wird das mit den Mitteln seiner Kunst tun, zum ersten Mal für die Uraufführung im Juni 2017 bei den Wiener Festwochen, in deren Auftrag diese Auseinandersetzung mit Richard Wagners letzter Oper entstanden ist. (sh)

Der Parsifal ist heute, einhundertfünfunddreißig Jahre nach seiner Uraufführung im Festspielhaus von Bayreuth, vor allen Dingen eines: eine enorme, ungeheuere Textmasse. ...

... Für seine Neukomposition hat sich Bernhard Lang für die Erhaltung der Gesangslinien und der auf einem vierstimmigen Satz basierenden harmonischen Struktur der Parsifal-Komposition entschieden. ...

4 Juni 2017
18.00 Uhr
Wien, Theater an der Wien Wiener Festwochen ParZeFool/ MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 UA

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor UA

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) UA

Dirigentin: Simone Young

6 Juni 2017
18.00 Uhr
Wien, Theater an der Wien Wiener Festwochen ParZeFool/ MONDPARSIFAL ALPHA 1-8

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)

Dirigentin: Simone Young

8 Juni 2017
18.00 Uhr
Wien, Theater an der Wien Wiener Festwochen ParZeFool/ MONDPARSIFAL ALPHA 1-8

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)

Dirigentin: Simone Young

15 Oktober 2017
Berlin, Haus der Berliner Festspiele Berliner Festspiele ParZeFool/ MONDPARSIFAL BETA 8-13 UA

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor UA

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL BETA 8-13 (VON EINEM DER AUSZOG DEN "WAGNERIANERN DES GRAUES" DAS "GEISTERGRUSELN" ZU ERZLEHREN...) UA

Dirigentin: Simone Young

16 Oktober 2017
Berlin, Haus der Berliner Festspiele Berliner Festspiele ParZeFool/ MONDPARSIFAL BETA 8-13 UA

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL BETA 8-13 (VON EINEM DER AUSZOG DEN "WAGNERIANERN DES GRAUES" DAS "GEISTERGRUSELN" ZU ERZLEHREN...)

Dirigentin: Simone Young

18 Oktober 2017
Berlin, Haus der Berliner Festspiele Berliner Festspiele ParZeFool/ MONDPARSIFAL BETA 8-13 UA

Bernhard Lang — ParZeFool Der Tumbe Thor

Jonathan Meese 
— MONDPARSIFAL BETA 8-13 (VON EINEM DER AUSZOG DEN "WAGNERIANERN DES GRAUES" DAS "GEISTERGRUSELN" ZU ERZLEHREN...)

Dirigentin: Simone Young

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