Aus Europas Osten. Lothar Knessls „Wunschkonzert“
 zum (nach dem) Neunziger
© Johannes Cizek
© Johannes Cizek

Unüblich: Das Ensemble verführt seinen Abonnenten in den Entscheidungsnotstand, sich selbst nach Gutdünken ein Konzertprogramm zu küren. Nach Gutdünken klingt verlockend, entfernt sich allerdings rapide von der Realität. Mannigfache Gründe: räumliche, ästhetische, ökonomische... Man kann nicht von allem haben, sagte weise schon die Großmutter.

Das Rad der Überlegungen beginnt, sich hin und her zu drehen. Genauer: Es wälzen sich die Überlegungen, werden gewälzt. Man ist kein Fan, nicht begeistert auf einen oder wenige Protegés fokussiert. Wäre Scheuklappenmentalität. – Womöglich doch auch Fan? Allenfalls von Gesualdo. So richtet man keinen Schaden an, lieber, aus Überzeugung, das breite Spektrum, von Josquin bis in die jüngste Gegenwart. Sie beträfe die etwa Dreißigjährigen. Diesfalls ist die weitgefasste Gegenwart erwünscht.

Indes geziemt dem Ältestabonnenten die nicht glorifizierende Rückbesinnung auf die mehr oder weniger nahe Vergangenheit. Zudem obliegt ihm die durch radikale Reduktion Schmerz provozierende Selektion auf vier bis sechs Stücke, tunlichst selten gespielte, zu Unrecht übergangene oder gar trendbedingt „vergessene“. Wie soll, wie kann das gut gehen?

Bliebe ersuchend und wägend im Lande, regnete es rundum Kränkungen. Das mag er nun gar nicht. Beschränkte er sich auf nur ein Nachbarland, erhöbe sich ungehalten die Frage, warum nur dieses? Andererseits, ein – wenn auch qualifiziertes – Medley: wo bliebe da die „Programmidee“?

Hoffnung einschalten. – Sonnenaufgang. – Blick nach Osten. – Wiens Anrainerposition. – Schon Heine, westlich orientiert, war europamüde. – Auffrischung aus Europas Osten. –
Ist der Abonnent nicht letztlich gar ein Osteuropa- oder Donauraumfan? Verdacht keimt hoch.

(Lothar Knessl, 2016)

23. April 2017, Wiener Konzerthaus
Für Lothar Knessl

György Ligeti — Zehn Stücke für Bläserquintett
György Kurtág — 12 Mikroludien
op. 13 (Hommage Mihály András)
   — 4 Lieder auf Gedichte von János Pilinszky op. 11
Adriana Hölszky — Segmente I
Henryk Górecki — Musiquette 4, op. 28

Galina Ustwolskaja — Komposition Nr. 1 (Dona nobis pacem)

Martin Winkler, Bassbariton
Stefan Obmann, Posaune
Dirigent: Leonhard Garms
Laudatio: Armin Thurnher

Jeder Mensch ist ersetzbar
Sven Hartberger zum 90. Geburtstag von Lothar Knessl

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