Jeder Mensch ist ersetzbar. Sven Hartberger zum 90. Geburtstag von Lothar Knessl
© Johannes Cizek
© Johannes Cizek

Es gibt dieses Phänomen: Alte Männer, die mit wachsendem Starrsinn an ihren Ämtern und Funktionen festhalten, ihre Positionen in Gremien und Organisation verbissen verteidigen, sich auch jenseits der 80 in keiner Weise um die Heranbildung von Nachwuchs kümmern und sich selbst für unentbehrlich und unersetzbar halten. Und dann gibt es noch Lothar Knessl, der seit Jahren mit wachsendem Nachdruck darum bittet, seiner Ämter und Funktionen enthoben zu werden, seine Positionen räumen zu dürfen, seinen Rückzug aus Gremien freundlich akzeptieren zu wollen, und der überhaupt seit gut 30 Jahren auf gepackten Koffern sitzt, stets mehr als willig und bereit, Platz zu machen für die nächste Generation, deren Vorbereitung und sachliche sowie moralische Kräftigung für die Bewältigung der jeweils zu übernehmenden Teilbereiche seiner eigenen Kompetenzen in all den vielen Feldern seiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit er mit Umsicht und förderndem Wohlwollen seit Jahrzehnten betreibt.

Lothar Knessl, dem stets Abschiedsbereiten, ist der Abschied verweigert worden. Er ist um die Fortführung seiner Arbeit als Autor, als Lehrer, als Vorstandsmitglied, als Moderator, als Redakteur, als Programmmacher und als Sendungsgestalter mit großer Dringlichkeit gebeten worden. Er wurde be- und überredet und, man kann es nicht anders sagen: er ist genötigt worden, von Veranstaltern und Intendanten, von Sendungsverantwortlichen und Radiohörern.

Das ging nun so, solang es ging. Irgendwann ist aber auch der größte Vorrat an Langmut, Engagement und, ja, Opferbereitschaft erschöpft, und Lothar Knessl wurde sehr energisch und sehr deutlich: Falls es bisher noch nicht verstanden worden sei, es reiche jetzt, es sei aus, Schluss, basta. Man möge freundlichst zur Kenntnis nehmen, dass auch er, Lothar Knessl, am Ende seines neunten Lebensjahrzehntes endlich so etwas wie einen Anspruch auf eine Art Ruhestand hätte, auf ein Leben ohne Terminkalender, Verpflichtungen und Zeitdruck. Ergo: Abschied von allen Funktionen, Rückzug aus allen Gremien und – oh, Jammer – letzter Zeit-Ton. Der wurde von Ö1 am 21. Juni 2016 gesendet. Seither sind Musikfreunde, die in der Reichweite des formidablen Senders leben um ein wesentliches Stück Lebensqualität ärmer.

Das war es, was uns selbstverständlicher Besitz war: Abends, vielleicht sogar am Ende eines verlängerten Arbeitstages heimzukommen, den Radio aufzudrehen und diese ganz besondere Stimme zu hören, sich diesem sehr eigenwilligen Sprechduktus anzuverwandeln und sich in Gedankenwelten ziehen zu lassen, die man ebenso schnell wie irrtümlich als die eigenen zu erkennen meinte, während sie doch ganz die spezifischen Einsichten Lothar Knessls waren und auch blieben, zu denen man ohne seine zarte Führung weder leicht noch überhaupt gelangt wäre. Dass man seine Überlegungen und Wahrnehmungen immer für die jeweils eigenen hielt, zu deren adäquater Ausformulierung und sprachlicher Konkretisierung man nur eben noch keine Zeit gefunden hätte, lag an einer ganz außerordentlichen Begabung und einer harmlos und beiläufig daherkommenden, in Wahrheit aber fulminanten und ziemlich einzigartigen Könnerschaft: Lothar Knessl verfügt über die Fähigkeit, sehr komplexe Sachverhalte mit sehr einfachen Worten äußerst umfassend zu bezeichnen, ohne durch unzulässige Simplifizierung seinen Gegenstand zu verfehlen. Er ist ein Bergführer im Hochgebirge, der es auch bei von Höhenangst geplagten Stadtfräcken sehr schnell dahin bringt, dass diese sich für Gemsen halten, und er erzielt diesen Erfolg nicht durch Verschweigen der Schründe, Klüfte und Abgründe, die es zu überwinden gilt, sondern durch den unprätentiös vorgebrachten klaren Hinweis auf dieselben und die damit verbundene Schärfung des kritischen Blicks. Kritik Im Knessel'schen Sinne ist immer die nicht primär und nicht hauptsächlich mit einem wertenden Urteil verbundene Unterscheidungskraft. Spielerische Anleitung zum unterscheidenden und damit: zum verstehenden Hören, eine dezent camouflierte und vollkommen unbemerkbare Didaktik, kombiniert mit einer homöopathisch dosierten Gabe Humor und Distanz - das ist es, was mit verlässlichster Regelmäßigkeit von Lothar Knessl zu empfangen wir über Jahrzehnte hin gewohnt gewesen sind.

Nun, da er uns den Dienst aufgesagt und seinen mehr als berechtigten Anspruch auf extrem verspäteten Antritt des Ruhestandes geltend gemacht hat, müssen wir auf Findigkeit und List seiner klugen Nachfolger hoffen, denen es immer wieder einmal gelingen mag, den unübertrefflichen Meister auskunftheischend vor die Mikrofone von "Zeit-Ton extended" und vergleichbarer Formate zu locken. Dort sprudelt dann der Quell klar, hell, präzise und treffsicher wie eh und je.

Was unsere Sehnsucht nach dem regelmäßigen Genuß luxuriös moderierter Zeittöne anlangt, werden wir uns trösten müssen. Jeder Mensch ist ersetzbar. Lothar Knessls Abschied von seinen vielen Verpflichtungen gibt Anlaß zum Nachdenken über diesen ebenso gängigen wie anfechtbaren Aphorismus, dessen Gegenteil wohl mit demselben Recht behauptet werden kann: Jeder Mensch ist unersetzbar. Vielleicht verhält es sich so: Jeder Mensch, der sich von seinem Platz, von seiner Aufgabe, von seiner Tätigkeit entfernt, hinterläßt eine Lücke, welche als mehr oder weniger groß empfunden wird und die sich für die subjektive Wahrnehmung schnell, langsam oder in manchen, seltenen Fällen eben auch gar nicht schließt. Wer möchte bezweifeln, daß Lothar Knessl ein seltener Fall ist?

Der seltene Fall hat aber vorgesorgt, er hat ausgesät und die Saat hat Frucht getragen und tut dies weiterhin. Es ist der in seinem innersten Kern poetische Ansatz, der das radio-essayistische Schaffen von Lothar Knessl auszeichnet und der von seinen Nachfolgern weitergetragen wird. Seine wenigen, zum Großteil anlaßbezogen entstandenen Gedichte, die wir in diesem Heft veröffentlichen dürfen, zeigen in nuce, woran ohnedies kein Zweifel ist: In Lothar Knessl ehren wir an seinem 90. Geburtstag einen Dichter im schönsten Sinn des Wortes, einen der uns die Sinne geöffnet und geweitet hat. (Sven Hartberger, 2017)

23. April 2017, Wiener Konzerthaus
Für Lothar Knessl

György Ligeti — Zehn Stücke für Bläserquintett
György Kurtág — 12 Mikroludien
op. 13 (Hommage Mihály András)
   — 4 Lieder auf Gedichte von János Pilinszky op. 11
Adriana Hölszky — Segmente I
Henryk Górecki — Musiquette 4, op. 28

Galina Ustwolskaja — Komposition Nr. 1 (Dona nobis pacem)

Martin Winkler, Bassbariton

Stefan Obmann, Posaune
Dirigent: Leonhard Garms
Laudatio: Armin Thurnher

Aus Europas Osten
Lothar Knessl über sein „Wunschkonzert“

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