Brice Pauset

Brice Pauset

Brice Pauset 1965 in Besançon (Frankreich) geboren, studierte zunächst Klavier, Violine, Cembalo, Analyse und mittelalterliche Philosophie, ehe er sich dem Komponieren zuwandte und in Paris bei Michel Philippot, Gérard Grisey und Alain Bancquart in die Lehre ging. Es folgten weitere Studien bei Franco Donatoni in Siena und bei Brian Ferneyhouth in Royaumont, außerdem ein Lehrgang in musikalischer Informatik am IRCAM. Brice Pauset, der auch regelmäßig als Hammerflügelspieler und Cembalist konzertiert, arbeitet mit namhaften Orchestern, Ensembles und Solisten zusammen. Seine Werke erklingen auf den großen internationalen Musikfestivals, u.a. dem Festival d'Automne à Paris, Wien Modern, Musica Viva München, den Donaueschinger Musiktagen sowie den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Während der Saison 2004/2005 war er Composer in residence an der Mannheimer Oper. 2008 wurde Brice Pauset als Professor für Komposition an die Musikhochschule Freiburg im Breisgau berufen.

Konzertkammer
Das Konzert impliziert schon strukturell von seiner Idee her Dialog und Diskussion. Im Allgemeinen und um im Bereich der rhetorischen Methapher zu bleiben, entstehen die musikalischen Lösungen durch die Art der Vermittlung. 
 
Bei diesem neuen Stück habe ich versucht,  mindestens genauso an den Bedingungen des Dialogs zu arbeiten wie an seinen Argumenten selbst. Demosthenos ist für solch eine Dichotomie ein gutes Beispiel, wenn man an seine seltsamen Übungen denkt, bei denen der Redner seine Ansprachen mit Kieselsteinen im Mund am offenen Meer stehend bis zur Perfektion einstudierte. 
 
Vom Kammerkonzert vollzieht sich der Übergang zur Konzertkammer weniger durch eine Umkehrung als vielmehr durch eine Veränderung des Standpunktes oder besser noch, durch den Übergang auf eine Vielzahl von sich ständig bewegenden Standpunkten. 
 
Sollte zur Erklärung ein außermusikalisches Bild notwendig sein, würde ich gerne den Begriff der Demokratie heranziehen, die in den letzten zwanzig Jahren allmählich zu einer diplomatisch-strategischen Ware wurde, welche sich – gegebenenfalls mit Gewalt – exportieren läßt. Wenn wir eine menschenwürdige Welt bewohnen wollen, werden wir uns wieder auf das Wesen der Demokratie selbst als einen ständig zu hinterfragenden und vor allem für ihre widersprüchlichen Deutungen offenen Prozess besinnen müssen. 
 
Mich haben immer schon die Krisen interessiert, ebenso wie einige außergewöhnliche Katastrophen; in diesem ersten Satz eines in Hinblick auf die Form noch ausgefeilteren Werkes ist das Solo-Klavier, - umkreist, konfrontiert, absorbiert, ausgeschlossen oder ignoriert vom Orchester -, unter permanenter eigener Wandlung der Ort des Situationstheaters, oft am Rande der Aporie, ja sogar des Unmöglichen.  (Brice Pauset)
2010 September
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