Georg Friedrich Haas — das kleine ICH BIN ICH

Für seine Tochter Sarah verwandelte Georg Friedrich Haas Mira Lobes Kinderbuchklassiker das kleine ICH BIN ICH in ein Musiktheater für junges Publikum.

© Nurith Wagner Strauss
© Nurith Wagner Strauss

Mira Lobes „Das kleine Ich bin ich“ ist ein großes Kunstwerk. Nicht nur der Inhalt ist genial – in seiner Einfachheit, in seiner Klarheit, mit seinem moralischen Anspruch – auch die Sprachkunst ist auf höchstem Niveau. Was Mira Lobe mit Rhythmus und Reim macht, wie sie Spannungen durch wechselnde Verslängen aufbaut, wie sie mit Wiederholungen arbeitet: Das alles ist von beeindruckender poetischer Kunstfertigkeit.

Ein Beispiel: Der mehrfach wiederholte Satz (quasi der „Refrain“ des Textes) changiert in seiner Bedeutung, je nachdem, wie er betont wird:

DENN ich bin, ich WEISS nicht wer,
SUCHe hin und SUCHe her,

SUCHe her und SUCHe hin,
MÖCHte wissen, WER ich bin

wird zu:

Denn ich BIN, ich weiss nicht, WER,
suche HIN und suche HER,
suche HER und suche HIN,

möchte WISSen, wer ich BIN.

Mira Lobe macht keine Kompromisse in der Sprache, um leichter verstanden zu werden. „Kindliches“ Getue ist ihr fremd. Sie scheut sich nicht einmal, vereinzelt Wörter zu verwenden, die im üblichen kindlichen Sprachgebrauch vermutlich nicht vorkommen: Gaul, Kahn, dressiert...

Auch meine Musik versucht nicht, „kindlich“ zu sein. Ich nehme junge Menschen ernst. Ich spreche meine Sprache. Ich weiß, diese jungen Menschen sind wach genug, sie zu verstehen.

Den einzelnen Motiven des Textes sind jeweils bestimmte Instrumente zugeordnet:

Die Blumenwiese wird von der Flöte repräsentiert,
der Frosch von der Trompete
 (anfangs mit, am Ende ohne Dämpfer),
Pferdemutter und Pferdekind durch Bariton- und Tenorsaxophon,
die Fische durch die Harfe,
die Flusspferdmutter durch die Basstuba,
ihr Kind durch das Horn,
der Papagei durch die Bassklarinette,
die Hunde durch Englischhorn, Klarinette und Posaune
und die große Seifenblase durch das Kontraforte (bzw. Kontrafagott).

Wenn das kleine Ich bin Ich sich erkennt, erklingt erstmals im Orchester ein Obertonakkord – dieser Akkord bleibt 
(in der Tonhöhe verschoben) bis zum Ende.

Meine dritte Ehe ist vor einigen Jahren zerbrochen. Meine Tochter Sarah lebt seitdem nicht mehr bei mir. Ich sehe sie nur mehr selten.

Das kleine Ich bin Ich war ihr Lieblingsbuch, als sie klein war. Ich hatte es ihr hunderte Male vorlesen müssen. 
Ihr ist das Werk gewidmet. (Georg Friedrich Haas, 2016)

(c) Universität Mozarteum/Christian Schneider

Uraufführung: 22. Juli 2016, Salzburg
Uraufführung der szenischen Fassung:
30. Oktober 2016, Wien

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