Für Peter Oswald
© Barbara Fränzen

von Sven Hartberger

Ohne Peter wäre mein Leben anders verlaufen, und dafür werde ich ihm immer dankbar sein.
- Mit diesem einfachen Satz hat ein Freund für die erbetene Auskunft über Ort und Zeit der Feierstunde gedankt, in der wir am 22. August von Peter Oswald haben Abschied nehmen müssen.

Ohne Peter wäre mein Leben anders verlaufen. - Das ist ein wahrer Satz, nicht nur für eine erstaunlich große Anzahl einzelner Menschen. Der Satz stimmt auch für wesentliche Kunst- und Kulturinstitutionen unseres Landes, für das gesamte Musikleben Österreichs und, darüber hinaus, durch die enorme Strahlkraft des von Peter Oswald Geschaffenen, für das Musikleben Europas. Peter gehört zu den sehr wenigen Zeitgenossen, deren Dasein einen Unterschied macht, und deren Dagewesensein dauerhafte und bleibende Wirkung entfaltet, Wirkung zum Besseren, namentlich. Seinem Nachfolger in der Leitung des Klangforum Wien, seines Klangforum Wien, wie man nach wie vor ohne Einschränkung sagen kann, steht es gut an, gerade diese Facette von Peters so (facetten)reichem Leben zu erinnern und ins Bewußtsein zu rücken.

Peter hat nichts billig gegeben. Der Superlativ war ihm nicht einfach eine mögliche Stufe der Komparation. Der Superlativ war ihm Lebensform und Lebensinhalt: Das Schönste, das Beste, das Wichtigste, das Bedeutendste: darunter tat er es nicht, wenn es um die Erfüllung seiner Aufgaben ging, die er eben gerade und gerade ausschließlich in der Erreichung des Höchstmöglichen sah. Der Superlativ war die Unterkante jener Latte, die er sich selbst legte, und wohl auch die Unterkante der Forderung, die er an andere stellte, wenn es um die Beförderung und die Erreichung von Entscheidendem ging. Wo er sich bei der Verfolgung dieses Ziels beengt oder gar behindert sah, dort mochte er nicht bleiben, und dort konnte er auch nicht bleiben.

So geschah es, daß Peter 1992 aus der Position des Musikchefs des ORF an die Spitze des Klangforum Wien wechselte. Das Ensemble befand sich damals im siebenten Jahr seines Bestehens, in einer Phase der Konstituierung, Konsolidierung und Selbstfindung und verfügte über jene Mittel, die, klug und mit der notwendigen Vorsicht eingesetzt, die Etablierung eines sehr passablen Klangkörpers im europäischen Mittelfeld erlaubten. Es ist nicht ungerecht zu sagen, daß neunundneunzig von hundert unter Peter Oswalds Kollegen sich genau damit begnügt hätten: mit dem sehr umsichtigen Einsatz des Vorhandenen und allenfalls mit seiner sehr vorsichtigen Mehrung. Wohin Peter Oswald das Klangforum geführt hat, ist bekannt. Und wenn das Klangforum Wien heute international als ein allererstes Ensemble in der zeitgenössischen Musik gilt, so ist das zu einem ganz großen Teil sein Verdienst. Wenig bekannt ist, daß Peter diesen Weg des jungen Klangkörpers an die vorderste Stelle des Musiklebens nicht nur durch schrankenlosen persönlichen Einsatz, sondern zudem auch durch den vorbehaltlosen Einsatz seines Privatvermögens getragen hat. Die wirtschaftliche Gestion des Klangforum war in den entscheidenden Jahren seiner Intendanz von 1992 - 1999 nicht in erster Linie durch Subventionen und Förderungen, sondern durch Erlöse und durch einen von Peter Oswald unterfertigten Blankowechsel gedeckt.

Aus Wien wechselte Peter zum steirischen herbst, und in Graz steht ein Gebäude, das seit nun bald 15 Jahren die wesentliche Adresse der zeitgenössischen performativen Kunst in der Landeshauptstadt ist, dessen Bedeutung weit über die Steiermark hinausstrahlt, und das mit Fug den Namen Peter-Oswald-Halle tragen sollte. Peter war der einzige gewesen, der die Notwendigkeit des Baus für die europäische Kulturhauptstadt 2003 nicht nur erkannt hat, sondern der auch zu eigenverantwortlichem, mutigem Handeln bereit war.

Diese beiden Beispiele stehen hier nur stellvertretend für so vieles, das den Blick auf Peters Person lenken könnte. Von ihm errichtete Leuchttürme wie das Klangforum Wien und die Peter-Oswald-Halle in Graz zeigen ihn in seiner vollkommen außerhalb jeder Konvention stehenden Absolutheit und Unbedingtheit, mit seinem imaginierten Wappenspruch: so, und nicht anders, als die seltene Erscheinung eines Menschen mit Haltung, Idee und Richtung, in seiner Bereitschaft, das von ihm als notwendig und richtig Befundene zu vertreten, dafür einzustehen, ohne Wenn und Aber, und mit einer sehr geringen Neigung zum Kompromiß.

Das ist alles sehr altmodisch und pathetisch, aber eine Würdigung Peters, die ohne Pathos auskommen wollte, würde wohl seine Persönlichkeit verfehlen. Das große, kraftvolle Wort war Peters emphatische Heimat. Die Einebnung der Berggipfel, damit diese - nach ihrem Verschwinden - zwar nicht mehr, dafür aber von jedermann ohne Mühe erreicht werden könnten, war nicht sein Programm. Mut zu machen, die Gipfel zu sehen und zu erklimmen, von der Höhe den Blick schweifen und die Stimme ins Tal schallen zu lassen - das ist, wozu Peter unablässig ermuntert hat, wozu er uns alle mitnehmen wollte, und das ist es auch, was wir an Peter lieben, was wir von ihm mitnehmen und weitertragen wollen und sollen, auf dem Weg, den wir jetzt ohne ihn zu gehen haben werden.

Peters Unbedingtheit und Absolutheit waren für seine Mitmenschen, auch für seine Freunde und seine Weggefährten, nicht immer leicht zu ertragen. Er hat den Konflikt nicht gescheut und seine Abneigungen mit ebenso großer Leidenschaft gezeigt und gepflegt wie seine Zuneigung. Die Standfestigkeit, die er im Tal wie am Berg gezeigt hat, mag durch die Brille der nervenschwachen und farblosen Konventionen der Kulturkaufleute und Kunstgeschäftsmänner betrachtet als starrsinnig und intolerant erscheinen. Zu diesem unter westlichen Intellektuellen als salonfähig empfundenen Toleranzbegriff hat die mutige deutsch-türkische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Seyran Ateş angemerkt, daß dessen stets temperierte Äquidistanz zu allem und jedem, auch zum Unerträglichen, von der äußersten Gleichgültigkeit nur sehr schwer zu unterscheiden ist.

Peter hat sich solch verquerer und verquaster Fehlformen der als Toleranz verkleideten Akzeptanz des Inakzeptablen bestimmt nie schuldig gemacht. Er konnte ordentlich auf den Tisch hauen, sein Ja war ein Ja, sein Nein ein Nein, und zu den Lauen im Lande hat er nie gezählt. Die Erscheinungsformen dieser stets sehr bestimmten Parteinahme sind von vielen als inadäquat empfunden worden und bestimmt waren sie nicht kompatibel mit den Ansprüchen an Pflegeleichtigkeit, Biegsamkeit und Vorausberechenbarkeit, welche zu den Standards jener Personalentwickler zählen, deren Votum bei der Besetzung wesentlicher Positionen im Kulturleben mehr Gewicht hat, als diesem gut tut. Gewiss, Peter war immer eine Herausforderung, und auch viele seiner Freunde haben sich oft lieber stirnrunzelnd ins sichere Gebiet der Formvorschriften bürgerlicher Konversation zurückgezogen, als sich der Naturgewalt seiner weitausgreifenden Einlassungen zu stellen. Bestimmt ist das schon immer mit dem heimlichen Wissen geschehen, daß Peters Vorbehaltlosigkeit und ungeschützte Ausdrücklichkeit uns allen die Verpflichtung zu eben dieser abgenommen hat.

Niemand kann und soll sich jetzt die Schuhe Peter Oswalds anziehen. Wir würden uns reichlich komisch in ihnen ausnehmen. Aber jeder, der in der Verantwortung für Musik, Kunst und Kultur steht, wird ein Stück von dem, was Peter Oswald durch seine Zeit getragen hat, weiterzutragen haben.

Danke, Peter!


Das Foto machte Peter Oswalds Frau, Barbara Fränzen, am Sonntag vor seinem Tod auf dem Schneeberg.

Top