Carolyn Chen — We were dead and we could breathe. (Wir waren tot und konnten atmen)
Carolyn Chen — We were dead and we could breathe.
Carolyn Chen — We were dead and we could breathe.

Ich denke normalerweise nicht ans Atmen, außer ich muss. Ich werde meines Atems gewahr, wenn ich Yoga praktiziere, Tai Chi oder Aikido, denn diese traditionellen Bewegungslehren beziehen sich auf den Atem als eine fundamentale Kraft, die in der Lage ist, Handlungen einer höheren Ordnung zu koordinieren. Ich muss atmen, um mich zu bewegen. In schwierigen Zeiten ist das Atmen auch eine Möglichkeit, wieder zu mir selbst zu finden.

Ich habe begonnen, über dieses Stück nachzudenken, als ich letzten Sommer in Peking lebte und Gelegenheit hatte, die wechselvollen, mehrstöckigen Qualitätsindizes der Luft dieser Stadt aus einem Fenster in der sechsten Etage zu beobachten. Aus der Nähe betrachtet, war es schwierig, Luftverschmutzung von Luftfeuchtigkeit zu unterscheiden. Aus der Ferne beobachtete ich, wie die Dunstschleier das Sonnenlicht, das Licht des Mondes, Verkehrsampeln und die Straßenbeleuchtung verschmierten. An manchen Tagen fühlte ich ein Kitzeln im Hals oder in meinen Augen. Das beunruhigte mich, aber ich konnte natürlich nicht einfach aufhören zu atmen. Ich stellte mir diese kleinen Partikel vor, manche kleiner als Viren, jedes einzelne unsichtbar, jedoch schrecklich in ihrer Gesamtheit – wie sie allmählich die Lungen füllen oder direkt in den Blutkreislauf gelangen. Ihre Auswirkung auf unseren Körper ist eine langsam fortschreitende Schädigung, eine subtile Form der Gewalt. Ich dachte an diese kleinen, langsamen Zerstörer und an ihre Ursprünge in fossilen Brennstoffen, die selbst einmal Körper von vorzeitlichen Pflanzen und Tieren gewesen waren. Gewöhnlicher Hausstaub besteht fast zur Gänze aus menschlicher Haut. Ich stellte mir vor, wie ich die Körper dieser Lebewesen aus der Vergangenheit, wie ich menschliche Körper, menschliche Geschichte einatmete – das Gewicht all dieser Leben, Tode, Leiden, zu winzigen Partikeln destilliert, die in unsere empfindlichen Lungen eindringen, die mit der Zeit allmählich immer grauer und schwärzer werden.

Es ist unmöglich, in diesem Augenblick ans Atmen zu denken, ohne sich dabei an Eric Garner zu erinnern, den unbewaffneten schwarzen Mann, der röchelnd hervorstieß, er bekäme keine Luft, als er von einem New Yorker Polizeibeamten 2014 gewürgt wurde. Sein Tod ist ein direkter und anschaulicher Akt der Gewalt, aber das Umfeld, aus dem er entstand, gleicht mehr diesen unsichtbaren Partikeln in der Luft, die überall eindringen und die man unmöglich nicht einatmen kann. Ich dachte an alle diese unsichtbaren Dinge und wie sie in der scheinbaren Normalität verschwinden.

In diesem Stück werden Klänge von anderen Klängen verschleiert. Lautere Schläge und Stöße verdecken ein subtileres Geschehen. Stille Dinge bewegen sich im Inneren. Das, was andauert, das verschmierte Licht, wird so normal, dass man ihm womöglich gar nicht mehr zuhören muss. Ich dachte an Shō, die japanische Mundorgel, deren Töne scheinbar unendlich lang anhalten. Gegen Ende des Kompositionsprozesses fiel mir diese Zeile von Paul Celan in die Hände, die die Widersprüchlichkeit eines Lebens in permanenter Notlage genau auf den Punkt bringt.

(Carolyn Chen, 2016)

Carolyn Chen — We were dead and we could breathe.
Carolyn Chen — We were dead and we could breathe.
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