Fallen Falls (video-concert)

Andrea Cavallari, nicht nur Komponist, sondern selbst auch bildender Künstler, hat Erwin Wurm zu einer gemeinsamen Arbeit eingeladen. Die Uraufführung von Fallen Falls anlässlich der Eröffnung des Festivals 2016 bietet nicht nur ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, sondern ist exemplarisch für das Mit- und Nebeneinander von Musik und bildender Kunst bei Firenze Suona Contemporanea.

(c) Erwin Wurm, Fallen Fall, Filmstill

Den archaischen Kosmogonien zufolge verkörpert das uralte „vergessene Wort“, das in der Meditation unablässig gesucht wird, die schöpferische Kraft des Klangs. Demnach ist es der Klang, der die Wirklichkeit, den Kosmos hervorbringt; aus der mystischen Silbe OM entstand das Universum. Die Vorstellung, die Welt sei aus „uranfänglichem Klang“ geboren, ist nach wie vor in zahlreichen Stammesgesellschaften lebendig. Ein Echo dieser Überzeugung klingt heute noch in vielen Ausdrücken nach, die die Identität von Klang und Licht, von Klang und Materie widerspiegeln.

Die Leichtigkeit des „Klangs“ materialisiert sich, sie nimmt an Gewicht zu, um zu Materie zu werden.

Demnach wird Leichtigkeit als Auflösung von Gewicht wahrgenommen, eine Rückkehr zu den Quellen des uranfänglichen Klangs. Leichtigkeit bedeutet, sich aus dem Sog der Schwerkraft zu befreien; und die Sprache der Musik ist jenes Element, das  – mehr als jedes andere – dieser Macht der Erdanziehung zu entkommen vermag.

Nehmen wir an, dieses Werk würde einen Vorgang der Befreiung von jeglichem Gewicht beschreiben – eine Betrachtung über die Abwesenheit von Schwerkraft. Ein jäher, flüchtiger Blick auf den magischen, einmaligen Moment, in dem einander widerstrebende Kräfte – Anziehung und Abstoßung – zusammenfallen und sich unmittelbar gegenseitig aufheben. Ein Sekundenbruchteil völliger Schwerelosigkeit.

Tatsächlich kann kein Aspekt des Lebens seinem Schicksal der allmählichen Versteinerung entgehen; der unerbittliche Blick der Medusa ist stets allgegenwärtig. Wo ist Perseus jetzt – er, der sich auf geflügelten Sandalen durch die Lüfte schwingt, vom leichtesten aller Elemente getragen, dem Wind und den Wolken? Ich bin – wie auch Italo Calvino – versucht, diesen Mythos als eine Allegorie auf die Beziehung zwischen Kunst und Welt zu lesen; so gesehen kann die Leichtigkeit, die Perseus verkörpert, nicht besser dargestellt werden als durch diese zarte, erfrischende Geste – eine Erfahrung der äußersten Versuchung, die Schwere aufzulösen. (Andrea Cavallari, 2016)


Festival Firenze Suona Contemporanea, Konzertvideo
Erwin Wurm/ Andrea Cavallari — Fallen Falls
14. September 2016

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