Sven Hartberger mit Prunus armeniaca © Christoph Stuhlpfarrer

Vorwort zur neuen Saison 2017/2018

Wozu Musik?
Als das Klangforum Wien vor genau 15 Jahren diese Frage zum Motto seines Konzertzyklus gemacht und gleichzeitig dreißig Komponistinnen und Komponisten um Überlegungen zu diesem Thema gebeten hat, waren die Reaktionen einerseits vielfältig und andererseits überraschend. Irgendwie dürften wir einen Nerv getroffen haben: mit der spontanen Verdoppelung der Abonnentenzahlen war der Zyklus des Ensembles jedenfalls gerade in dieser Saison zum ersten Mal vollkommen ausabonniert.  Die Spannweite der Antworten, die wir von den angefragten AutorInnen erhielten, reichte von differenzierten und tiefgreifenden Reflexionen bis hin zur kaum verhohlen aggressiven Ablehnung der Frage: mit dem selben Recht könnten wir fragen, wozu atmen, essen, trinken und schlafen?

Ganz so einfach dürfte die Sache nicht liegen. Die weiterhin wachsende Zahl unterschiedlichster Aktivitäten im Bereich der sogenannten Musikvermittlung mag einerseits nichts weiter sein als die Kehrseite des allmählichen Verschwindens der Künste aus den curricula der gewöhnlichen Schulbildung. Sie zeigt aber eben andererseits auch, dass das Bewusstsein der vitalen Notwendigkeit von Musik im allgemeinen, und einer lebendigen, aktuellen Musik im besonderen für ein im vollen Sinn menschliches Leben nicht allzu tief verwurzelt ist.

Es ist so gesehen bestimmt auch nicht zufällig, wenn sich neun Institutionen des europäischen Musiklebens - Ensembles, Universitäten, Forschungs- und Kulturzentren aus acht verschiedenen Ländern - in Interfaces,  einem von der Europäischen Union geförderten Projekt zusammentun, um neue Wege für die Verbreitung eines schwindenden Urwissens zu finden: Der musikalische Ausdruck unserer Gegenwart ist ein unverzichtbarer Teil unseres Menschseins, der weder durch den Rekurs auf Ererbtes, noch durch die Reduktion auf die halb unbewusste Aufnahme der verschiedenen Erscheinungsformen von Muzak ersetzt werden kann.

Wenn wir von Musik im Vollsinn des Begriffes sprechen, bleibt die Frage, die wir uns und unseren Freunden vor fünfzehn Jahren gestellt haben, also aktuell, und wir tun gut daran, wenn wir uns ihr stellen. Das vorliegende Programm des Klangforum Wien versucht implizit und explizit, wenn schon nicht Antworten, so doch zumindest inspirierende Überlegungen zu bieten.

—Sven Hartberger

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