Georg Friedrich und Molleena Lee Williams Haas
© René Gehardt

SCAN ΙV

Mit SCAN, seinem jungen, im Grenzbereich von Interpretation und Improvisation angesiedelten Konzertprojekt, geht das Klangforum neue Wege mit dem Ziel, komponierte Musik mit den Mitteln von Reinstrumentation, Improvisation, Elektronik, Zerstückelung und veränderter Zusammensetzung der Teile in einem anderen, unbekannten Licht erscheinen zu lassen. SCAN nähert sich den ausgewählten Kompositionen unter grundlegender Änderung der Perspektive, zielt auf eine radikale Durchdringung des musikalischen Materials und unternimmt so eine unkalkulierbare Reise ins Innere der Klänge. Das Projekt löst die in der Komposition scheinbar fixierten musikalischen Prozesse aus ihrer verschriftlichten Erstarrung, stellt sie in neue Zusammenhänge und gelangt auf diese Weise zu einem Komplexitätsgrad an Durchleuchtung des Materials, der bei Beachtung der traditionellen Regeln, welche für den Interpreten durch die Partitur definiert sind, niemals erreicht werden könnte. Ausweitung der Musizierzone, Dehnung der von Notentext und Dirigenten gezogenen Grenzen, Freiheit statt Sicherheit, Erweiterung des musikalischen Alltags: Das ist es, worum es bei SCAN, geht. Ausgehend von einer auf Partiturseiten fixierten Komposition schafft das Ensemble durch extrem freien Umgang mit den festgelegten Vorgaben ein neues Werk, ein Stück über ein Stück, das vor den Ohren des Publikums live im Konzertsaal entsteht.

Während sich im konzertalltäglichen Musizieren die – durch Notentext und Dirigenten limitierten – Freiheiten der MusikerInnen im Mikrobereich bewegen, gibt SCAN den Musikern auf zweifache Weise ein Stück Autonomie zurück: zuerst von der Komposition selbst, die nicht mehr als strenge Vorschrift und als äußerste Grenze der eigenen künstlerischen Freiheit gelesen, sondern als eine weite Spielwiese genutzt wird, auf der sich die musikalische Kreativität mit großer Ungebundenheit entfalten kann. Diese Entfaltung geschieht nicht regellos. Die Partitur wird nicht ignoriert, sie wird nur mit erheblich größerem Interpretationsspielraum gelesen als Herkommen und Urheberrecht das gemeinhin gestatten: Die Spieler tauschen ihre Stimmen; die Holzbläser spielen, was in der Partitur für die rechte Hand des Akkordeonisten notiert ist; die Basslinie gestaltet der Synthesizer; die Schlagzeuger übernehmen mit ihrem Instrumentarium die den Klarinetten zugedachten Aufgaben und ein Turntablist mischt seine Lesart der Partitur unter die – in Hinblick auf das Original – auch so schon sehr neue Klanglichkeit des Werks, das in den SCANs des Klangforum Wien dennoch immer präsent und wahrnehmbar bleibt.

Nach dieser sehr markanten Weitung der durch die verschriftete Komposition gesetzten Grenzen holen sich die Musiker ein weiteres Stück Selbstbestimmung durch die streckenweise Sistierung der Funktion des Dirigenten. Dirigierte Musik ist immer von außen geführte und geleitete Darstellung von Vorgegebenem. SCAN sieht an einer bestimmten Stelle der Aufführung die zeitweise Abdankung des musikalischen Leiters vor. Von da an organisiert sich das Ensemble selbst, steuert den musikalischen Organisationsprozess allein, oszilliert zwischen Orchester und Band und bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Determiniertheit und Freiheit, wie das im gewöhnlichen Konzertleben innerhalb der getreu partiturkonformen Wiedergabe eines einzelnen Werks eben nicht zu erleben ist.

SCAN verlangt alle Beteiligten viel ab. Zuvorderst den Komponisten, die für SCAN ihre Schöpfungen für eine Neudeutung durch das Ensemble freigeben müssen, die sich eben nicht als Dienst am Werk versteht, sondern das Werk für einen gemeinsamen Dienst an der Musik lediglich benutzt. Als eine leichte Form der Selbstentäußerung hat der Komponist Bernhard Lang dieses Verfahren bezeichnet, die er aber letztlich als ebenso lustvoll und bereichernd empfunden hat, wie Beat Furrer und Klaus Lang, die ihre Kompositionen für SCAN zur Verfügung gestellt haben. Mit Musik von Georg Friedrich Haas wird das Klangforum sein SCAN-Projekt im Rahmen seiner Professur für PPCM (Performance Practice in Contemporary Music) der Kunstuniversität Graz im Sommer 2018 fortsetzen.

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