Mirror Box Extensions © Kobe Wens
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Third Space poetic © Stefan Prins
Third Space poetic © Stefan Prins

Daniel Linehan/Stefan Prins — Third Space

Daniel Linehan/Stefan Prins – Third Space
Für 7 Tänzer, 10 Musiker und Dirigent, Live-Video und Live-Elektronik

Daniel Linehan (Konzept, Choreographie)
Stefan Prins (Konzept, Komposition)

Konzept

Von der Isolation zur Entblößung: Die Ambivalenz der Privatsphäre in einer immer transparenter werdenden Welt

Verfügen wir heute über weniger Privatsphäre als jemals zuvor? Oder vielleicht sogar über mehr? Einerseits mag es scheinen, als würden sich viele Menschen heute immer weiter in ihre Privatsphäre zurückziehen, sich isolieren und ihre Teilhabe am öffentlichen Leben immer stärker reduzieren, auf ihre privaten Bildschirme starren und Kopfhörer tragen, um den Lärm in ihrer Umgebung auszublenden. Andererseits bieten die sozialen Netzwerke ein Instrumentarium, das es Menschen nah und fern ermöglicht, sich im Hinblick auf gemeinsame Themen solidarisch zusammenzuschließen und für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen. Und doch finden Regierungen, technologische Riesenkonzerne und Hacker Mittel und Wege, sich Zugang zu unseren intimsten Aktivitäten und Korrespondenzen zu verschaffen, die heute online stattfinden – also ist die private Welt unserer Bildschirme möglicherweise doch nicht so privat... Es zeigt sich, dass der Themenkomplex der Privatsphäre heutzutage zu den wichtigsten Fragen überhaupt zählt.

Nach den Worten des Autors Dave Eggers wird unsere Welt immer “transparenter”. In seinem Roman “Der Kreis” beschreibt Eggers eine gar nicht so ferne Zukunft, in der ein Facebook-ähnlicher Konzern davon ausgeht, dass jegliche Information für jedermann zu jederzeit verfügbar sein muss. Zu diesem Zweck entwickelt die Firma sehr billige Überwachungskameras, um weltweit so viele Orte wie möglich zu erfassen – vom Arbeitsplatz bis hin zu einsamen Stränden – indem sie das Web unablässig mit ihren live-Streams versorgen und so die Welt im wahrsten Sinne des Wortes “transparent” machen. Das mag zwar derzeit Fiktion sein, aber man fragt sich, wie lange noch. Eine aktuelle Studie zeigt, dass in Großbritannien auf 32 Personen eine Sicherheitskamera kommt – damit wird dieses Land zu dem am dichtesten überwachten auf diesem Planeten. Eine andere Studie legt nahe, dass wir für Unternehmen wie Facebook bereits jetzt so gut wie transparent geworden sind, da sie beispielsweise mit ziemlicher Sicherheit voraussagen können, wie hoch die Chancen stehen, dass ein Paar sich innerhalb der nächsten zwei Monate trennen wird.

Aufführungs-Anordnung

In enger künstlerischer Zusammenarbeit werden der Komponist Stefan Prins und der Choreograph Daniel Linehan eine musikalisch-choreographisch Performance erarbeiten, die sich mit den Themen und Paradoxa auseinandersetzt, die der Idee der Privatsphäre innewohnen. Die Aufführung hat zwei Teile: Zunächst sitzt das Publikum, wie in einer konventionellen Theatervorstellung, auf den Zuschauertribünen und beobachtet den Dirigenten, der sich den Besuchern zuwendet. Er steht vor einem Vorhang, hinter dem das Ensemble musiziert und die Tänzer agieren; es gibt keinen direkten Kontakt zwischen dem Dirigenten und dem Ensemble, sondern nur einen indirekten, der durch eine Videoübertragung vermittelt wird. Das Videobild des Dirigenten wird hinter dem Vorhang zu sehen sein, um Musik und Tanz auf der Bühne zu koordinieren; und Videos der Musiker und Tänzer werden ihrerseits auf den Vorhang hinter dem Dirigenten projiziert. Das Publikum nimmt die Mitwirkenden mit Hilfe von Videobildern wahr, allerdings nur in Andeutungen und Fragmenten; sie werden Zeugen einer teilweise verdeckten Übertragung der Aufführung und müssen die verborgenen Details mit Hilfe ihrer Fantasie ergänzen. Der Ton, der aus dem Raum hinter dem Vorhang kommt, ist teilweise gedämpft, sodass er verschwommen und wie aus weiter Ferne klingt; dann wieder wird der Klang verstärkt und wirkt sehr nahe und intim.

Im zweiten werden Choreopgraphie und Musik des ersten Teils wiederholt, aber aus einer neuen Perspektive. Der Vorhang geht auf und die Besucher erhalten direkte Sicht auf die live agierenden Musiker und Tänzer. Teile des Publikums – etwa 50 bis 100 Personen – werden auf die Bühne gebeten, um den Tänzern und Musikern näher zu kommen, die sich ihrerseits von Zeit zu Zeit mit intimen Gesten direkt an einzelne Besucher wenden. Die Mitglieder des Publikums auf der Bühne werden in kleinen Gruppen von etwa 5 bis 20 Personen beisammen sitzen und so mit den einzelnen Tänzern und Musikern quasi auf Tuchfühlung gehen. Der Rest der Besucher bleibt auf den Zuschauertribünen, wird dort Zeuge der privateren Erfahrung, die ihre Kollegen machen und erlebt diese intimeren Begegnungen indirekt mit. Der Dirigent hat die Bühne verlassen und leitet das Ensemble von einem anderen Raum aus, wobei die Musiker ihn weiterhin über eigene Bildschirme/Projektionen wahrnehmen.

Ab der Hälfte dieser Wiederholung findet ein neuerlicher Perspektivenwechsel statt. Tablets und Smartphones, die an das Publikum auf der Tribüne verteilt wurden, werden aktiviert und beginnen, einzelne Töne der Musiker sowie Nahaufnahmen der Körper der Tänzer auf eine Weise zu übertragen, die zwar indirekt, zugleich aber auf gespenstische Weise intim ist. Das Publikum im Zuschauerraum hat nun einen virtuellen Zugang zu den näher herangerückten Erfahrungen, deren Zeuge das Publikum auf der Bühne wurde. Die Telephone und Tablets werden überdies als Lautsprecher benützt, die im Publikum verteilt sind und so neue Bereiche der Privatheit, aber auch eine Invasion dieser Privatsphäre erschaffen, indem die Menschen einander über die Schulter schauen, um zu sehen, was sich auf den Tablets abspielt.

Die Aufführung folgt der Struktur eines Loops, der – von ein paar Abweichungen abgesehen – zwei Mal abgespult wird; aber dieselben Vorgänge werden jedes Mal sehr unterschiedlich wahrgenommen, da das Publikum sich in einer völlig anderen Umgebung befindet – einmal in einem Umfeld, das großteils über Video- und Audio-Einspielungen vermittelt wird (ausgenommen der Dirigent und einige kurze Live-Auftritte anderer Darsteller), während die zweite Umgebung größtenteils live sein wird – abgesehen von den Video-Bildern des Dirigenten und den Klängen und Bildern der Smartphones. Jedes Mal erhält das Publikum völlig andere Informationen, wobei neue Details offenbar werden, sobald der Vorhang sich hebt; die Besucher entdecken Aspekte der Aufführung, die im ersten Teil noch verborgen geblieben sind.

Indem das Video-Bild des Dirigenten zu den live-Darstellern gesendet wird, erheben sich Fragen im Hinblick auf die Macht dieser vermittelten Bilder. Tänzer und Musiker reagieren auf den Dirigenten, von dessen live-Präsenz sie jedoch einen Grad entfernt sind. Das löst im Besucher Fragen aus: Wer oder was hat hier die Kontrolle? Wer oder was treibt die Vorstellung voran? Das Bild des Dirigenten oder die live-Darsteller? Durch die asymmetrische Erfahrung unterschiedlicher Teile des Publikums während der Wiederholung eröffnen sich verwandte Fragen in Bezug auf Macht und Information. Da das Publikum auf der Bühne und die Besucher auf den Zuschauertribünen Zugang zu unterschiedlicher Information haben – was für die Welt draußen gilt, trifft auch auf der Bühne zu – fühlt sich das Publikum möglicherweise von der “vollen Erfahrung” ausgeschlossen; aber vielleicht auch neugierig und erpicht darauf, mit den anderen zu sprechen, um zu sehen, was sie “versäumt” haben.

Zusammenarbeit

Mit dieser Aufführung zeigen Linehan und Prins ihr Interesse an der Erschaffung eines “Dritten Raumes”, der sich nicht leicht in konventionelle Binärstrukturen einordnen lässt. Dieser Raum, so hoffen sie, wird weder zur Gänze real, noch gänzlich virtuell, sondern vielmehr in einem Bereich angesiedelt sein, der zwischen diesen beiden liegt. Auf ähnliche Weise wird die Aufführung den Unterschied zwischen Musik und Tanz verwischen und die Trennung zwischen der Rolle des Musikers und jener des Tänzers aufheben. Auf beunruhigendere Weise wird diese Performance die Trennlinie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit untersuchen und darauf hinweisen, dass wir möglicherweise heute in einer Zeit leben, in der diese zwei Kategorien zusehends schwerer zu unterscheiden sind.

Die Kombination aus musikalischer und Tanz-Performance und die Kombination der live-Übertragungs-Anordnungen wird auf die Kombination der physisch-virtuellen Milieus reagieren, in denen sich unser tägliches Leben abspielt. Die Überwachungskameras und Bildschirme, Projektionen, Smartphones und Tablets werden einen multidimensionalen, immersiven Raum erzeugen, der die Körper der Mitwirkenden ebenso wie jeden der Besucher, der sich am Aufführungsort befindet, einschließt. Indem die Überwachungskameras verborgene Ecken des Bühnenraums offen zeigen, wird die Arbeit sich der Frage widmen: Was sind die Vorteile und was die Gefahren dieser neuen transparenten Welt, in der Information aus den verborgensten Winkeln unmittelbar zugänglich wird? Und: wird die Welt tatsächlich transparenter, oder gibt es nicht immer etwas Privates, Verborgenes, Internes, das nicht zur Gänze dem öffentlichen Auge und Ohr preisgegeben werden kann?
— Daniel Linehan, Stefan Prins, 2017

4 Juni 2018
München, Gasteig Münchener Biennale Third Space UA

Stefan Prins / Daniel Linehan — Third Space UA

Konzept und Choreographie, Daniel Linehan
Konzept, Komposition und Sound, Stefan Prins

Szenographie: 88888/Karel Burssens & Jeroen Verrecht
Kostüme
: Frédérick Denis
Musikalische Leitung: Bas Wiegers

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