© Stefaren, 2016

Yoshiaki Onishi — Vgf II

Der Titel Vgf ist eine Abkürzung, abgeleitet aus dem Wort „vogelfrei”. Ich habe diesen Begriff in einem Artikel wiederentdeckt, den Scott Gleason, ein Kollege und guter Freund von mir, verfasste. In seinen Anspielungen auf das Wort – beispielsweise: „In einem Heim, das kein Heim ist“, und „ ‚Frei‘so wie in ‚befreit‘, aber auch in der Bedeutung von ‚rechtlos‘ “ – habe ich eine Art semiotischer Verschiebung wahrgenommen, da vertraute Worte eine neue, meinem bisherigen Verständnis völlig entgegengesetzte Bedeutung erhielten. Es war ein dramatischer Moment der Destabilisierung; vertraute Begriffe wurden vergänglich und fragil.



In meiner Vgf-Reihe interessiere ich mich für das Zusammenspiel von Wahrnehmungen. Ausgehend von den Implikationen eines potentiellen Paradoxons und der doppelten Wertigkeit des Wortes „vogelfrei“ habe ich versucht, einige diametral gegensätzliche Beziehungen in diesem Stück auszuloten, wie: Ähnlichkeit/Verschiedenheit, heimisch/fremd, Vertrauthei/Unvertrautheit.



Die Idee hinter der musikalischen Form dieses Stückes ist teilweise das Resultat einer Bemerkung, die Stefan Beyer, ein befreundeter Komponist, mir gegenüber machte. Nachdem er sich mein neues Werk – ein Duo für Blockflöte und Shakuhachi – angehört hatte, gab er mir zu verstehen, dass das Stück aus seiner Sicht durchaus länger sein und das verwendete musikalische Material noch ausführlicher verarbeiten hätte sein können. Das vorliegende Stück ist eine Reaktion auf diese Anmerkung.



Vgf II besteht aus vier Teilen, die ohne Pause hintereinander gespielt werden. Im ersten Teil, der den Titel Récit./trans trägt, flüstern die Holz- und Blechbläser den dekonstruierten Text des Eintrags zum Stichwort „Homo Sacer“ aus Sextus Pompeius Festus‘ enzyklopädischer Abhandlung De verborum significatione in ihre Instrumente. Der Titel des letzten Teils, …frage,  ist bewusst unbestimmt gehalten – es könnte sich dabei sowohl um einen Teil des französischen „naufrage“ (Schiffbruch, Untergang), als auch um das deutsche Wort „Frage“ handeln.



Dieses Stück, ein Auftragswerk der Philharmonie Luxembourg, ist Lydia Rilling, dem Dirigenten Emilio Pomàrico und den MusikerInnen des Klangforum Wien gewidmet.
—Yoshiaki Onishi, 2017

19 November 2017
17.00 Uhr
Luxemburg, Philharmonie Luxemburg, Salle de Musique de Chambre rainy days Concert Final UA

Drei grundverschiedene und doch miteinander verbundene Kompositionen erklingen im Abschlusskonzert des Festivals rainy days. Eva Reiters energiegeladenes Quartett In groben Zügen bedient sich ebenso lustvoll-ausgiebig instrumentaler Geräusche wie die neue Komposition Vgf II von Yoshiaki Onishi. In Quatre Chants pour franchir le seuil auf Texte aus vier unterschiedlichen Zeitaltern und Kulturen schwinden angesichts des Todes die Differenzen – die conditio humana bleibt immer gleich. Doch bei Gérard Grisey bedeutet der Tod nicht das Ende, sondern einen neuen Anfang. Auf die vierteilige Reise durch die Welt der Toten folgt eine „Berceuse”, eine Musik der Morgenröte. (rainy days)

Eva Reiter — In groben Zügen
Yoshiaki Onishi — Vgf II
UA
Gérard Grisey — Quatre chants pour franchir le seuil

Katrien Baerts, Sopran
Peter Böhm, Klangregie
Dirigent: Emilio Pomàrico

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