Luboš Mrkvička — Für großes Ensemble, Teil D

Seit meinen ersten Anfängen als Komponist habe ich gezögert, meinen Werken Titel zu geben. Obwohl die einzelnen Stücke sicherlich sehr unterschiedlich waren, habe ich meinem Gefühl nach im Prinzip immer dasselbe gemacht. Immer, wenn mir als Zuhörer eine Komposition gut gefallen hat, wollte ich wissen, was dieser Komponist sonst noch geschrieben hat. Und als begeisterter Rockmusik-Fan habe ich mich nie zu jenen gezählt, die stets nur ihr Lieblingsalbum oder gar nur Lieblings-Songs und nicht auch die anderen Produktionen dieser Band hören wollten. Ich habe immer Bands geschätzt, nicht einzelne Songs; mir waren die Komponisten wichtig, nicht einzelne Stücke – ich habe immer dazu tendiert, alle Musik als Eins zu sehen; als etwas, das trotz seiner strukturellen Vielfalt letztlich essentiell doch immer das Gleiche ist.

So wie bei jedem wahren Musikliebhaber, für den ich mich halte, wurzeln alle diese Tendenzen primär in der unmittelbaren und geradezu physischen Freude am musikalischen Detail das, wie in einem einziger Augenblick, die gesamte musikalische Erfahrung beinhaltet. Dank dieses Gefühls, demzufolge das musikalische Detail im Vordergrund steht, habe ich das Bedürfnis nie verstanden, eine dramatische Form zu erschaffen, die sich darin manifestiert, dass die einzelnen Sätze eines Werks immer in der selben Reihenfolge präsentiert werden müssen, um den erwünschten dramatischen Effekt zu erzielen. Ich könnte problemlos das Scherzo einer romantischen Symphonie vor dem ersten Satz spielen oder mir die Rock-Songs eines Konzept-Albums in einer ganz anderen Reihenfolge anhören – ohne Minderung der Intensität meiner musikalischen Erfahrung.

Ich denke, es war primär die Spannung zwischen meinem Bedürfnis, Musik als ein singuläres Phänomen zu erfahren und dieser physischen Freude am musikalischen Detail, die mich vor etwa elf Jahren die einfache Entscheidung treffen ließ, meine Stücke nur mit Buchstaben zu bezeichnen. Jedes Stück (Buchstabe) repräsentiert die Entwicklung eines spezifischen musikalischen Gedankens in Bezug auf Harmonie, Dynamik, Geschwindigkeit, Dichte, Textur, Register… Es kann entweder für sich alleine stehen, oder in Nachbarschaft zu jeder Menge anderer Teile, in welchem Fall ihre Reihenfolge ganz dem oder den Aufführenden überlassen bleibt. Ich habe den ersten Teil des Zyklus Für großes Ensemble 2008 fertiggestellt. Teil B wurde 2015 für das Berg Orchestra komponiert; Teil C 2017 für das Contemporary Orchestra Brno. Teil D – eine Komposition für Klangforum Wien – ist vorläufig das letzte Werk in diesem Zyklus.
—Luboš Mrkvička, 2017

21 Mai 2018
20.00 Uhr
Prag, Veletržní palác, Studio Hrdinů Prague Spring For Large Ensemble UA

Enno Poppe — Speicher I
Luboš Mrkvička — For Large Ensemble, Part D
UA
Bernhard Lang — Monadologie XII
 
Olivier Vivarès, Klarinette
Gerald Preinfalk, Saxophon
Anders Nyqvist, Trompete
Dirigent: Bas Wiegers

Top