Gerard Mortier — L’identité culturelle européenne

Wie sehr und aus welchen Gründen Gerard Mortier nicht nur dem internationalen Musiktheater fehlt, wird bei der Lektüre des folgenden Textes bewusst, zu dem Mortier durch eine Einladung des belgischen Medienkonzerns Mediafin in der zweiten Jahreshälfte 2012 angeregt wurde und den er bis zu seinem Tod am 8. März 2014 weiterentwickelt hat. Der Aufsatz über die kulturelle Identität Europas zeigt den Autor in seiner wichtigsten Qualität, welche die Grundlage seines gewaltigen Lebenswerks für das Musiktheater gewesen ist: Gerard Mortier war in erster Linie ein großer Europäer. Die folgende umfassende Zusammenschau der in der Antike liegenden Wurzeln der geistigen Grundlagen Europas mit der Bedeutung der geografischen Gegebenheiten des Kontinents, seiner literarischen und religiösen Findungen und seiner politischen Geschichte bis in die Gegenwart ist die beeindruckende Summe eines mit den Mitteln der Kunst gelebten und von Wissen und Esprit getragenen Engagements für ein vereintes Europa. (sh) 

I. Einleitung
1949, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ging Juliette Greco, die damals in einem Nachtklub namens Taboo auftrat, mit ihrem Liebhaber Miles Davis, dem berühmten Jazz-Trompeter, in Paris am Ufer der Seine spazieren. Paris war damals, dank der Entscheidung eines deutschen Generals, die dieser gegen den Willen Hitlers getroffen hatte, die am besten erhaltene Hauptstadt Europas. Das traf auf Berlin nicht zu – und deshalb spazierte Marlene Dietrich dort auch nicht mit Yves Montand am Brandenburger Tor. Denis de Rougemont, Autor des berühmten Werks L‘Amour et l’Occident und darüber hinaus Begründer der Europäischen Vereinigung der Musik-Festivals, verfasste zu jener Zeit einen entmutigenden Bericht über die Zerstörung Berlins und die schreckliche Situation der Frauen und Kinder in dieser Stadt.

Wir brauchen diese Bilder, um zu verstehen, warum die Europäische Gemeinschaft ins Leben gerufen wurde. Nach zwei verheerenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert war Europas zweitausendjährige Vormachtstellung als mächtigster Kontinent der Welt zusammengebrochen. Stattdessen war der er zum Schauplatz des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika geworden. Die Machtzentralen hatten sich nach Washington und Moskau verlagert. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk schrieb in seinem Buch Falls Europa erwacht, dass wir uns das vor Augen halten sollten, bevor wir die europäischen Institutionen kritisieren. Wir hatten die Errichtung Europas so nötig, wie der Rekonvaleszente seine Krücken braucht, nachdem Europa sich sämtliche Knochen gebrochen, und - mit der Ermordung von sechsmillionen Juden und Zigeunern - auch einen großen Teil der Seele unserer Kultur vernichtete hatte, wie George Steiner in seinen Reflexionen über Europa schrieb. Daher war es absolut visionär, dass einige unserer fähigsten Politiker 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gründeten, da Europa dringend eines grundlegenden ökonomischen Abkommens bedurfte, um einen weiteren Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu vermeiden. In diesem Augenblick wäre es vollkommen verfehlt gewesen, ein Kulturabkommen ins Leben zu rufen – Jean Monnet wird in diesem Zusammenhang immer wieder falsch zitiert. Die Wunden und Verletzungen gingen auf beiden Seiten viel zu tief und solange Menschen an Hunger starben, war der Zeitpunkt für kulturelle Überlegungen noch nicht gekommen. Es war jedoch interessant zu beobachten, wie die Deutschen die Kraft aufbrachten, ihre Theater wieder aufzubauen und wie in Paris, als Reaktion auf die beiden Weltkriege, die Bewegung des Existenzialismus entstand, wo Sartre vom Deutschen Heidegger lernte und die „Jeunesse dorée” rund um Boris Vian  Duke Ellington anhimmelte – was im übrigen auch der Anfang der Amerikanisierung Europas war.

Das Photo von der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 erscheint mir deshalb heute als das Bild des bewegendsten und unvergesslichsten Augenblicks in der Geschichte Europas, und dieses Bild sollte in allen Geschichtsbüchern gedruckt und über sämtliche digitale Netzwerke verbreitet werden. Wenn ich an dieses Photo denke, kann meine Botschaft einfach nur positiv sein. Wir Europäer sollten den Mut aufbringen, nach dem Vorbild von Martin Luther King zu sagen: Ja, wir haben einen Traum! Und die Europa-Skeptiker, die so leichtfertig von einem Albtraum sprechen, sollten sich vor Augen halten, dass die Verwirklichung großer Visionen Zeit braucht. Fünfzig Jahre bedeuten in der Geschichte der Menschheit gar nichts. Wir haben vergessen, dass hundert Jahre nach der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, in der die Gleichbehandlung aller Menschen festgeschrieben wurde, die Frauen in Europa weitere hundert Jahre kämpfen mussten, bevor sie an Parlamentswahlen teilnehmen konnten.

Andererseits haben wir in den letzten 50 Jahren Unglaubliches erreicht und ich glaube, dass die aktuelle Krise notwendig war, um uns dazu zu zwingen, den Aufbau der Europäischen Gemeinschaft noch weiter voranzutreiben. Es ist faszinierend zu sehen und es gibt Anlass zur Hoffnung, dass Europas intellektuelle Elite sich aus der Rolle einer skeptischen Beobachterin zur aktiven Verteidigerin der Europäischen Gemeinschaft entwickelt hat – wie etwa der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, der Österreicher Robert Menasse und auch Daniel Cohn-Bendit, der sein Damskuserlebnis hatte.

Die Welt der Wirtschaft und der Politik hat dafür kein ausreichendes Bewusstsein und es ist deshalb an der Zeit, das kulturelle Potential aller europäischen Länder zu nutzen, um der Bevölkerung zu zeigen und darüber aufzuklären, dass wir alle einer großen Kulturgemeinschaft angehören, die sich in dem ausdrückt, was wir die Europäische Identität nennen – und dass diese Identität keine Erfindung ist, sondern etwas sehr Konkretes.

Bevor ich näher auf das Entstehen dieser Identität eingehe, möchte ich noch zwei weitere Gegenstände ansprechen, die mit ihr eng verbunden sind: den Nationalismus einerseits, und das Fundament jeglicher sozialer Ordnung andererseits.

II. Nationalismus
Friedrich Schiller, der berühmte Dichter des Sturm und Drang und Autor der Ode an die Freude, die von Beethoven im Finale seiner Neunten Symphonie vertont wurde, war einer der ersten, der eine Art „Nationalgefühl“ weckte, beispielsweise in der letzten Szene seines Dramas Wilhelm Tell. Das Volk ist von Bergen umgeben, die Sonne geht auf und die Menschen fühlen sich einer Nation zugehörig.

Mit der Französischen Revolution wurde die Nation durch ein demokratisch gewähltes Parlament zur Repräsentantin des Volkswillens und zum Beginn des 19. Jahrhunderts entwickeln sich alle Merkmale einer Nation: Die Fahne ersetzt das Wappen und die Nationalhymne – beginnend mit der Marseillaise – wird zum lyrischen Ausdruck dieses Solidaritätsgefühls. Napoleon wird dieses Nationalbewusstsein zur Eroberung Europas benützen, um Europa zu erobern, aber gerade als Reaktion auf diese Eroberung wird sich wiederum das Nationalbewusstsein anderer Staaten entwickeln. Tolstoi beschreibt das in Krieg und Frieden: Erst mit dem Angriff Napoleons  auf Russland entsteht dort mit Dostojewski, Mussorgsky und vielen anderen eine Nationalkultur.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts war der Nationalismus eine avantgardistische Bewegung, welche es unternahm, die Privilegien der Feudalaristokratie abzuschaffen. In Deutschland wurden zahllose Fürstentümer und Grafschaften zugunsten der Begründung einer Deutschen Nation abgeschafft. Die selbe Bewegung entstand in Italien. Verdi und Wagner wurden ihre Helden. Will man den Avantgarde-Charakter der nationalen Bewegungen verstehen, muss man Georg Büchner lesen, den deutschen Dichter und Autor von Dantons Tod und Woyzeck, und seine Berichte über die unerträgliche soziale Lage im feudalen Deutschland, wie etwa im Herzogtum Hessen. Erst wenn wir uns vor Augen halten, dass Ernst August I., König von Hannover und Cousin der Königin Viktoria, im Jahr 1837 sieben Professoren der Universität Göttingen entließ, darunter die Gebrüder Grimm, weil sie einen Protestbrief gegen die Abschaffung der ersten Verfassung unterschrieben hatten, können wir den revolutionären Geist des Nationalismus wirklich verstehen.

Historisch gesehen war der Nationalismus eine der wichtigsten Bewegungen in der Geschichte des modernen Europa. Er hat die Feudalherrschaft zerstört und den Übergang zu unseren parlamentarischen Demokratien möglich gemacht.

Diese positive Kraft, die Italien, Deutschland, Großbritannien und später auch Spanien einte, wurde unseligerweise von einem neuen europäischen Imperialismus missbraucht – ähnlich, wie Napoleon es getan hatte. Die Reihe von Kriegen der absoluten Monarchien der Vergangenheit verwandelten sich in die Schlachten von Nationen, die Europa zu dominieren versuchten und führten zwischen 1870 und 1945 zu den verheerendsten Kriegen, die unser Kontinent erlebt hat. Die Väter der Europäischen Gemeinschaft haben verstanden, dass ein fragiles Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Nationen Europas nicht länger ausreichen würde und dass für die Zukunft des europäischen Kontinents ein Zusammenschluss der existierenden europäischen Nationen notwendig war.

Aus diesem Grund müssen wir den Nationalismus heutzutage als eine reaktionäre Bewegung betrachten, deren Führer nicht verstehen wollen, dass sie in ihrer Zeit ihre Berechtigung hatte, aber dass eine sich verändernde Welt neuer Visionen bedarf. Wie am Ende des 18. Jahrhunderts die Aristokraten, so verteidigen heute die Nationalisten Privilegien, die sich gegen ein übergeordnetes, gemeinsamen Interesse der europäischen Völker stellen. Die Zeit der Nationalstaaten ist vorbei. Um für unsere neue Situation Lösungen zu finden, bedarf es neuer staatlicher Strukturen und wenn wir das nicht verstehen, wie weiland die griechischen Stadtstaaten, wird ein neuer Alexander der Große kommen und uns vorschreiben, was zu tun ist.

III. Soziale Ordnung
Ein zweites Thema, dem wir uns zuwenden müssen, ist die Frage, wie es gelingen könnte, die Stabilität unserer sozialen Ordnung zu garantieren; denn wenn wir jetzt bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von einer großen Krise sprechen, liegt der Grund dafür darin, dass unser Sozialsystem völlig in Unordnung geraten ist. Diese Ordnung basiert auf einem fragilen Gleichgewicht ihrer drei Systeme: die Ökonomie, die die Produktion und den Austausch von Gütern regelt; die Politik, welche das Verhältnis zwischen den Individuen sowie zwischen den Individuen und den zu diesem Zweck geschaffenen Institutionen regelt; und schließlich das Kultursystem, das Ausdruck der menschlichen Beziehung zur Natur ist, dessen Inhalt sich der menschlichen Kreativität verdanken und das seine wichtigsten Erscheinungsformen in der Kunst und der Wissenschaft findet. Wir müssen auch verstehen, dass diese drei Systeme nicht unabhängig voneinander existieren, sondern dass sie in einer ständigen Wechselbeziehung miteinander stehen: Das ökonomische System hat politische und kulturelle Aspekte, die Kultur ist auch Teil des ökonomischen Systems und die Politik hat kulturelle und ökonomische Zwecke.

Die Gründe für die gegenwärtige Unordnung sind offensichtlich: In jedem dieser Systeme sind uns die grundlegenden Spielregeln abhanden gekommen. Im ökonomischen System machen uns die Verteidiger des Neo-Liberalismus vor, dass nur die Kräfte des Marktes Produktion und Warenaustausch diktieren sollen. Dazu kommt, dass wir uns nicht damit begnügt haben, mit dem Geld ein Tauschmittel geschaffen zu haben, sondern gemeint haben, dass es notwendig sei, aus Geld noch mehr Geld zu machen – wie in den Spielkasinos. Wir wissen, was mit Kühen geschehen ist, die ihrer Natur nach vegetarisch laben und die mit Fleisch gefüttert worden sind: das hat zum Entstehen des Rinderwahns geführt. Ich möchte aber dennoch klarstellen, dass ich nicht der intellektuellen Klasse angehöre, die alle Aspekte des Neo-Liberalismus in ihrer Gesamtheit verdammt. Ich kann sehr gut verstehen, dass man von bestimmten Ideen eines Isaiah Berlin oder des Wieners Friedrich von Hayek fasziniert sein kann, wie etwa Michael Foucault in seiner letzten Vorlesung am College de France.

Nach den katastrophalen Erfahrungen mit der kommunistischen Planwirtschaft können wir verstehen, dass manche die Idee des Pluralismus dem Gedanken der Verfolgung eines gemeinschaftlichen Ziels vorziehen, wie ihn europäische Denker seit Rousseau und Kant entwickelt haben. Aber wenn ich auch der Meinung bin, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft uns dazu zwingt, raffiniertere Lösungen zu finden als ein angebliches gemeinsames menschliches Ziel, so glaube ich dennoch nicht, dass der Markt allein das ökonomische System lenken soll. Das ist ein ganz genau so monopolistisches System wie Rousseaus gemeinsames Ziel. Wenn der Markt alles innerhalb des ökonomischen Systems diktieren soll, wie sollten wir uns dann zur Waffenproduktion verhalten, oder zum System des grenzenlosen "Entertainement", das selbst die Gewalt ausbeutet und industrialisiert, so wie wir das zuletzt bei der grauenhaften Schlächterei in Newtown in den U.S.A erlebt haben.

Aber das ist noch nicht alles. Wenn ausschließlich die Ökonomie den Markt beherrschen sollte, würden diese Märkte unablässig neue Bedürfnisse wecken, die für die Zivilisation überhaupt nicht notwendig sind. Wir alle können mühelos Listen schreiben von den Dingen, die wir nicht wirklich benötigen. Es war der genau Markt, der diese neuen Bedürfnisse geweckt hat. Damit will ich sagen, dass innerhalb des ökonomischen Systems die Tugend der Solidarität ganz genauso wichtig ist, wie die Tugend des Pluralismus. Deshalb war ich sehr beeindruckt von einem Interview mit dem großen Wirtschaftswissenschafter und Citoyen Herman Wijffels, der in einem Gespräch für die Zeitung De Tijd erklärte, dass es in naher Zukunft wichtig werden könnte, über die Notwendigkeit des Besitzes von Gütern nachzudenken und dass es zum Beispiel genauso nützlich sein könnte, ein Auto zu mieten, wie eines zu besitzen. Solche Überlegungen bedürfen natürlich einer kulturellen Auseinandersetzung mit unserem Verständnis von Besitz.

Die Unordnung unseres politischen Systems wurde unter den Regierungen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher offensichtlich. Sobald man als Politiker behauptet, „je weniger Staat, desto besser für die Gesellschaft“ - und damit, meiner Meinung nach, die Grundlagen des Neo-Liberalismus vollkommen missversteht - reduziert man damit in logischer Konsequenz auch die Bedeutung der Politik. Das hat zur Folge hat, dass die Wähler meinen, sie hätte Menschen gewählt, die gar nicht gebraucht werden. So gelangt man zu der Schlussfolgerung, dass Politiker nichts tun außer sich mit Hilfe einer Tätigkeit ohne jeden Nutzen zu bereichern; so werden sie zur Zielscheibe der Korruption. Obendrein haben die Medien diese Idee ausgeschlachtet und da ja ausschließlich der Markt das ökonomische System beherrscht, haben ethische Überlegungen keine Rolle mehr zu spielen, wie es das Beispiel der Murdoch-Presse sehr deutlich zeigt. Die Wahrheit ist aber, dass wir unsere politischen Institutionen brauchen, um das soziale Ordnungsgefüge durch eine Ausbalancierung von ökonomischen und kulturellen Werten sicherzustellen.

Das kulturelle System leidet unter der Tatsache, dass es nicht nur aus der Sicht der ökonomischen und politischen Systeme lediglich als Anhängsel wahrgenommen wird, sondern auch darunter, dass eine ständige Verwechslung von Kultur und Kunst herrscht. Kunst ist – wie Religion oder Wissenschaft – Teil des kulturellen Systems; aber in den meisten Fällen sind Kunstwerke Ausdruck eines Protests gegen die umgebende kulturelle Landschaft.

Eine Zivilisation bestimmt ihren Standort mit Hilfe ihres kulturellen Systems und das bedeutet auch, dass wir in diesem kulturellen Systems die Lösungsansätze für die Unordnung in den ökonomischen und politischen Systemen finden müssen.

IV. Europäische Identität
Wir müssen daher wohl Überlegungen über die kulturellen Aspekte der europäischen Zivilisation anstellen, um Lösungen für unsere politischen und ökonomischen Probleme im heutigen Europa zu finden. Unsere Bemühungen um die Kommunikation der kulturellen europäischen Identität sind gescheitert. Das Wissen um diese Identität sollte uns davon überzeugen, dass die politische Integration Europas die historische Folge und die logische Fortsetzung dieser Identität ist.

Wenn wir uns dieser Identität bewusst wären, so wüssten wir mit vollkommener Klarheit, dass der Nationalstaat eine wichtige geschichtlich Stufe – aber eben nur eine Stufe in der Geschichte – war, so wie davor die Volksstämme und nach ihnen das Feudalsystem.

Aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, haben viele Menschen und sogar die meisten Politiker große Mühe damit zu erklären, was mit dem Begriff der „Europäischen Identität“ gemeint ist. Wir hören immer verwaschene Ausdrücke wie „dynamisch“ oder „ einfallsreich“, was überhaupt nichts bedeutet. Das ist sehr bedauerlich, weil das Wesen dieser Identität in Wirklichkeit sehr klar ist.

1. Geographie
Beginnen wir mit der Geographie. Kein anderer Kontinent hat so viele Küsten, das erklärt unseren Sinn für Entdeckungen erklärt und auch die Tatsache, warum Europa der Kontinent der Kolonisatoren war. Da man praktisch von jedem europäischen Land aus zum Meer und bis zum grenzenlosen Horizont sehen kann, will man über diesen Horizont hinausgehen. Dieser Sinn für Entdeckungen, der die Eroberung aller anderen Kontinente zur Folge hatte, im Guten wie im Bösen, ist ein erstes Element der europäischen Identität.

Das findet man auch in den Mythen über Europa. Die Jungfrau Europa wird vom Gott Zeus, der sich in einen weißen Stier verwandelt hat, von der Küste Vorderasiens entführt und auf die griechische Insel Kreta gebracht. Wir spüren auch hier wieder die Dialektik von Land und Meer. Der Mythos erklärt auch, dass unsere DNA mit Ägypten verbunden ist und mit den großen Kulturen des Mittelmeers und Mesopotamiens. Aber da ist noch mehr. Der Mythos des Stiers, eines der kraftvollsten Tiere überhaupt, ein veritables Mordvieh, das niemals frisst, was es tötet und gleichzeitig ein Symbol für Fruchtbarkeit ist, in Verbindung mit der Unschuld einer Jungfrau, die von dem Stier träumt und deshalb von ihrem Vater verstoßen wird, erzählt uns viel über europäische erotische Gefühle. In anderen Kulturen übernimmt ein Drache oder ein Affe den Platz des Stiers – und das ist dann eine ganz andere Geschichte.

Der Stier-Kult, der sich auch im römischen Mithras-Kult wiederfindet, lebt in unseren Märchen vom Minotaurus fort. Dieser Kult – der besonders innerhalb des römischen Militärs von Bedeutung war – wurde vom Christentum verboten, aber die Gestalt des Stiers ist von der katholischen Kirche als Symbol des Evangelisten Lukas verwendet worden. Der Stier-Kult lebt auch im spanischen Stierkampf weiter. Die Lektüre der Bücher von Ernest Hemingway und Jonathan Little oder die Betrachtung der einschlägigen Gemälde Picassos belehren uns über unsere europäische Identität.

Ein weiterer struktureller Zug der europäischen Geographie: Europa ist der einzige Kontinent, der einigermaßen gewöhnlicher Weise von einem Ende zum anderen durchwandert wird, von Bergen in Norwegen bis nach Lissabon in Portugal. Es wäre völlig unmöglich, dasselbe quer durch das Dead Valley zu versuchen, durch die australische Wüste, die mongolischen Steppen oder das brasilianische Amazonas-Gebiet. Das ist auch der Grund, warum eine der häufigsten Tempobezeichnungen in der europäischen Musik das Andante ist – es kommt vom Gehen, andar. Das bedeutet: Den europäischen Kontinent zu durchqueren, ist typisch für die europäische Kultur. Die „Italienische Reise“ über die Alpen war Teil der europäischen Bildung, wie in Nietzsches Drang nach dem Süden deutlich wird. Dieser Drang wurde auch von Goethe und Stendhal empfunden und in Berlioz‘ Harold en Italie wurde er hörbar. In mehr als tausend Jahren sind Millionen von Pilgern die Straße nach Santiago de Compostela entlanggewandert. Die Gebirge Europas sind keine Barrieren, sondern Orte des Austausches und Hannibal hätte mit seinen Elefanten anders agiert, wenn er es mit dem Himalaya oder den Anden zu tun gehabt hätte. Die Pyrenäen waren von jeher ein Ort des Handels und der Begegnung. Zur Grenze wurden sie erst, als die iberische Halbinsel sich in sich selbst verschloss. Peer Gynt wandert von den norwegischen Fjorden bis zum Nil-Delta und Lord Byron von England bis Griechenland. Theophile Gauthier, Mérimée und Rilke schrieben die schönsten Gedichte über ihre Reisen quer durch Spanien. Die europäische Musik hat aber nicht nur das Andante als Tempo geschaffen, sondern auch die Begeisterung für das Wandern in einer Vielzahl außerordentlicher Werke befeuert: Die Winterreise und die Fantasie in C-Dur, genannt die Wanderer-Fantasie von Schubert oder Les Années de Pélerinage von Liszt.

2. Faust und Don Juan
Ein weiteres bezeichnendes Merkmal der kulturellen Identität Europas liegt in den Mythen von Faust und Don Juan. Die europäische Literatur und das europäische Theater haben sich fortwährend und weitestgehend an der griechischen Antike und ihren Mythen inspiriert. Am Beginn der Neuzeit, in der Morgenröte des 16. Jahrhunderts, hat Europa nur zwei neue Mythen entwickelt: Faust und Don Juan. Sie waren so bedeutend, dass sie zwei der größten europäischen Künstler zu Meisterwerken inspiriert haben verwandelten: Goethe und Mozart.

Der Faust-Mythos, entstanden im protestantischen Umfeld Nordeuropas, ist der Mythos des europäischen Menschen, der sich ins Zentrum des Universums stellt, nach dem Vorbild Galileis und Descartes'. Der europäische Mensch will den ganzen Kosmos ergründen. Goethes Faust baut eine Stadt ins Meer, wie Venedig, und den Flug zum Mond in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts muß man als die Vollendung dieses faustischen Unternehmens betrachten. Andere Kulturen würden niemals daran denken, zum Mond zu fliegen, weil er als Göttin und nicht als Stern betrachtet wird. Faust, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seine Jugend wiederzufinden und noch mehr Wissen zu erlangen, verliert seine Seele in dem Moment, wo er sagt: „Verweile doch, du bist so schön“. Der Grund dafür ist, dass der faustische Mensch immer weiter drängt; sein Alter Ego, Mephistopheles, leugnet alles, um Faust dazu zu zwingen, unaufhörlich weiter zu forschen. Der faustische Geist ist ein grundlegender Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Europas und der Glaube an ständigen Fortschritt ist ihr wesentliches Prinzip.

Der Don-Juan-Mythos ist im katholischen Milieu Südeuropas geschaffen worden. Dieser Mythos repräsentiert die Revolte gegen die seit Augustinus von der katholischen Kirche vertretene Glaubenslehre, dass Sex etwas Schändliches sei, weil er mit der Erbsünde in Zusammenhang gebracht wird, während die Erbsünde in Wahrheit das Verlangen bezeichnet, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu lernen. Don Juan ist eine Fable über die zerstörerische und über die schöpferische des Kraft des Eros und somit folglich auch über das Leben und den Tod.

3. Religionen
Wenn wir über Religion sprechen, muss erwähnt werden, dass Europa der Kontinent der drei Abrahamitischen Religionen ist, die alle aus dem Nahen Osten importiert wurden. Seit der Zeit der Kelten hat Europa keine Religion erfunden, im Gegensatz zu anderen Weltregionen. Das zeigt, dass Europa ein in seinem Kern säkularer Kontinent ist. In Europa war der Kaiser oder der König niemals selbst ein Gott, wie etwa in Ägypten, Japan oder China. Das erklärt auch, warum es den Investiturstreit gegeben hat und warum der Kaiser sich nach Canossa begeben musste. Es ist wahr, dass der Katholizismus zur Zeit von Konstantin und Clovis offizielle Staatsreligion wurde, aber der Papst musste immer mit dem König verhandeln. Dieser säkulare Charakter Europas machte die großen philosophischen Entwicklungen seit Plato und Aristoteles möglich. In anderen Kulturen wird die Erschaffung der Welt, wenn nicht von der Religion, so doch von Mythen erklärt, während die Philosophie eher ethische Regeln zu formulieren hat. In Europa hat sich die Philosophie bestimmt als die Suche nach Antworten auf die Frage, was und auf welche Weise wir wissen können. Das Denken Kants war nur möglich vor dem Hintergrund dieser für Europa charakteristischen kulturellen Identität.

4. Die Künste
Wenn wir uns nun im besonderen den Künsten zuwenden, werden wir feststellen, dass es keine große Kunstbewegung in Europa gibt, die nur einer Nation oder einem Land zugehört. Die Deutsche Romantik hat sich in Frankreich durch Madame de Staël und Chateaubriand entwickelt; die Freimaurer-Bewegung hat sich von England her über Frankreich kommend in Deutschland ausgebreitet. Die Kunst des Barock als Symbol der Gegenreformation wird von den Jesuiten in ganz Europa verbreitet werden und natürlich finden wir den Surrealismus oder den Expressionismus in allen europäischen Ländern.

Das Thema der Frauenemanzipation in der Literatur des 19. Jahrhunderts ist eine europäische und keine nationale Frage: Das belegen im besonderen Flauberts Madame Bovary in Frankreich, Ibsens Hedda Gabler in Norwegen und Tolstois Anna Karenina in Russland.

Die Technik des Ölgemäldes von Jan Van Eyck ist von Giovanni Bellini in Italien aufgegriffen worden und das Genre der Porträtmalerei der Flämischen Primitiven eroberte ebenfalls ganz Europa.

Der Pierrot war nicht nur eine Figur der italienischen commedia dell‘arte, sondern Thema einiger der berühmtesten Gemälde – vom Franzosen Watteau bis zum Spanier Picasso. Aber das ist noch nicht alles. Die sogenannten typisch „nationalen“ Kunstwerke sind zum allergrößten Teil viel mehr europäisch als national inspiriert. Wagners Opern würden ohne nordische Epen und keltische Sagen aus Irland nicht existieren. Die meisten Menschen empfinden die Märchen der Gebrüder Grimm als typisch für den deutschen Geist, aber diese Geschichten wurden den Brüdern Grimm von Mädchen aus hugenottischen Familien erzählt, die aus Frankreich geflohen waren und von den Märchen eines Charles Perrault inspiriert wurden. Und wenn jemand noch immer glaubt, dass die berühmte Geschichte des Wilhelm Tell mit seinem Apfel typisch schweizerisch sei: Ich bedauere sehr enthüllen zu müssen, dass sie einem dänischen Märchen entstammt. Ich könnte noch sehr viele Beispiele anfügen, die zeigen, dass die europäische Identität nichts Erfundenes ist, sondern dass sie tatsächlich existiert. Man kann das sehen, sobald man beginnt,  sich mit der Geschichte der europäischen Kunst zu befassen. Gewiss hat jedes Land seine eigene Färbung, aber der Farbfächer ist europäisch.

Ein letztes wichtiges Beispiel. Die klassische Musik ist eine der größten Errungenschaften der europäischen Kunst. Die Erfindung der Notenschrift ist die Grundlage ihrer Entwicklung. Andere Kulturen, wie etwa die indische, kennen viel komplexere Rhythmen und die Pygmäen haben ein ganz erstaunliches polyphones System entwickelt. Aber diese harmonischen und rhythmischen Systeme blieben hunderte Jahre hindurch unverändert. Im Gegensatz dazu hat die europäische Notation eine sehr rasche Entwicklung auf dem Gebiet des Musikschaffens ermöglicht und eine sehr große Vielfalt, von der Polyphonie zur Monodie, vom Kontrapunkt zur Sonatenform, von tonalen zu Zwölfton- und modalen Systemen. Diese musique savante beschränkte sich nicht auf eine einzelne europäische Nation, sondern wurde in allen Nationen Europas aufgeführt. Das gilt übrigens auch für die sogenannten Nationalopern, die ebenso überall gespielt wurden. Verdi schrieb eine neue Oper für St. Petersburg, Wagners Lohengrin war in Venedig erfolgreich und die Russen Mussorgsky und Tschaikowski wurden in Paris als Helden gefeiert.

Ich könnte noch mit vielen solchen Beispielen fortfahren, aber ich möchte gerne mit einigen pittoresken Details schließen: In Europa geben wir den Straßen keine Zahlen, sondern wir wir bezeichnen sie mi den Namen historischer Persönlichkeiten und Ereignisse. Der Unterschied zwischen einer amerikanischen Bar und einem europäischen Kaffeehaus ist offensichtlich. Wir gehen ins Café Landtmann in Wien, in das Falstaff in Brüssel, das Circulo de Bellas Artes in Madrid oder in die Deux Magots in Paris, um dort die Zeitung zu lesen oder mit Freunden zu sprechen. In einer amerikanischen Bar ist das Licht gedämpft; man ist dort eher auf der Suche nach einer emotionalen als nach einer kopfgesteuerten Begegnung

V. Schlussbemerkung
Wenn ich über die europäische kulturelle Identität spreche, möchte ich dieser Identität nicht einen privilegierten Status verleihen, sondern nur darauf hinweisen, dass diese Identität eine Realität ist und keine Erfindung des Europäischen Parlaments oder der Europäischen Kommission.

Da die politische Integration der europäischen Nationen der nächste Schritt in der Bildung der europäischen Gemeinschaft ist und die nationalen Reflexe die dafür notwendigen Entscheidungen offensichtlich sehr verkomplizieren, ist noch viel Arbeit für die Kommunikation unserer europäischen kulturellen Identität zu tun.

Junge Menschen aus den Ländern der Europäischen Union, die in den Genuss des Erasmus-Programms kommen, die von Oslo nach Lissabon reisen können, ohne jemals ihren Pass vorweisen zu müssen und die ohne spezielle Arbeitserlaubnis in jedem europäischen Land tätig werden und überallhin übersiedeln können, ohne sich in großen und langen Warteschlangen anstellen zu brauchen, wie ich es noch musste, als ich die Leitung der Salzburger Festspielen übernahm, sollten sich bewusst sein, dass sie alle diese Möglichkeiten der Europäischen Gemeinschaft zu verdanken haben.

Im übrigen müssen wir unbedingt klarstellen, dass die europäische Integration die lokalen Farben der unterschiedlichen Nationen, oder sagen wir besser: Regionen, keineswegs zerstört. Das könnte ohne Europäische Gemeinschaft viel schneller geschehen – auf Grund der Globalisierung der Märkte.

Die französische Fassung des Textes ist eine von Gerard Mortier selbst vorgenommene Überarbeitung und Erweiterung des ursprünglich in englischer Sprache verfassten Aufsatzes. Diese letzte Version ist als Manuskript für den Vortrag entstanden, den Gerard Mortier im Rahmen der Grandes Conférences Catholiques am 13. März 2014 in Bruxelles hätte halten sollen.

16 August 2015
15.00 Uhr
Duisburg, Landschaftspark Duisburg-Nord Ruhrtriennale Für Gerard Mortier

Ferruccio Busoni — Gesang vom Reigen der Geister op. 47
    — Bereceuse élégiaque op. 42 (arr. Erwin Stein)
Alban Berg — Fünf Orchesterlieder op. 4 (arr. Emilio Pomàrico)
Olivier Messiaen — Couleurs de la cité céléste
Giacinto Scelsi — Pranam I
    — Pranam II
Anton Webern — Symphonie op. 21

Sarah Wegener, Sopran
Natalia Pschenitschnikova, Mezzosopran
Florian Müller, Klavier
Dirigenten: Sylvain Cambreling, Emilio Pomàrico

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