Arbeiten wie ein Ermittler — Otomo Yoshihide und Erwan Keravec im Interview mit Mats Gustafsson

Etwa 150 Jahre liegen zwischen dem ersten Einsatz eines Turntables in einem Konzertsaal und dem Patent-Antrag für ein neues Instrument, das von einem gewissen Herrn Sax entwickelt wurde. Diese Zeitspanne umfasst mehrere Generationen. Aber sie ist gar nichts im Vergleich zur zeitlichen Entfernung zur ältesten noch erhaltenen Sackpfeife aus dem 15. Jahrhundert.

Mats: Wie wichtig ist die Vergangenheit, die Musikgeschichte für euch?

Erwan: Ich bin mit traditioneller Musik aufgewachsen. Traditionelle Musik ist unser Erbe. Traditionelle Musiker treten dieses Erbe an und müssen sich in der Welt des 21. Jahrhunderts entscheiden, wie sie spielen wollen – was traditionelle Kultur heutzutage sein kann – und das dann an die nächste Generation weitergeben. Wir dürfen dieses Erbe nicht vergessen, aber wir müssen es ins jetzige Jahrhundert herüberholen.

Otomo: Ich sehe mich als jemanden, dessen Leben sich zwischen der Interpretation der Wirklichkeit, die mich heute umgibt, und den Erfahrungen aus der Vergangenheit abspielt. Die Musik ist wie mein Leben – zwischen den beiden gibt es für mich keinen Unterschied.

Mats: Wie sehr lasst ihr euch innerhalb der Musikrichtung, in der ihr arbeitet, von den Musikern früherer Generationen inspirieren? Was könnt ihr von den vorangegangenen Generationen lernen?

Otomo: Ich habe viel von früheren Generationen freier japanischer Musiker wie Masayuki Takayanagi und Kaoru Abe gelernt; aber auch jede Menge vom amerikanischen Free Jazz und europäischer Improvisation. Nicht nur das – ich habe vermutlich einiges an Philosophie von der älteren Generation übernommen, auch von der japanischen Sprache – Gutes und nicht so Gutes… aber ich kann nicht behaupten, dass all diese Dinge nur ein Resultat der Vergangenheit sind.

Erwan: 2007 habe ich eine CD aufgenommen – „Urban Pipes”. Mit diesem Album wollte ich den Dudelsack als universales Instrument präsentieren und mir Musik für Solostücke ausdenken, die nicht an die kulturelle Herkunft des Instruments erinnern. Deshalb musste ich die traditionellen Spielformen und Modi verändern und am Klang arbeiten, um eine harmonische Verfremdung jenseits rein melodischer Parameter zu erzielen. Aber etwas habe ich beibehalten: die Kraft, die Projektion des Klanges und die Unmittelbarkeit des Spiels.

Mats: Erwan – was hat dich dazu bewogen, ein so altes Instrument zu erlernen? Und wie hast du deine Techniken entwickelt?

Erwan: Wie gesagt – ich bin mit traditioneller Musik aufgewachsen. Also stammte alles, was ich in meiner Jugend gesehen und gehört habe, aus dem Instrumentarium der bretonischen traditionellen Musik – der Dudelsack gehört da dazu. Normalerweise spielt der Dudelsack die Melodie; das musste ich aber ändern, sobald ich angefangen habe, gemeinsam mit anderen Musikern zu improvisieren. Ich habe wie ein Ermittler an meinem Instrument gearbeitet und versucht, alle Klänge auszuforschen, zu denen es fähig ist.

Mats: Otomo – du giltst als Pionier, als einer aus der ersten Generation der Turntable-Spieler. Was hat dich dazu bewogen, den Turntable zu spielen? Wie hast du deine Techniken entwickelt?

Otomo: Mein Vater war Elektroingenieur und meine Mutter liebte die Musik. Das ist der Hauptgrund, warum ich begonnen habe, mit Hilfe von Elektronik Musik zu machen. Der Turntable war eines meiner wichtigsten Werkzeuge, aber ich habe auch mit Tonbandgeräten, Radios, selbst gemachten Oszillatoren und Verstärkern gearbeitet. Als ich Teenager war, in den siebziger Jahren, habe ich alle möglichen billigen elektronischen Geräte als Musikinstrumente verwendet. Natürlich hatten Christian Marclay, die französische Music concrète und japanische Komponisten einen großen Einfluss auf mich, als ich meine Turntable-Techniken entwickelte.

Mats: Gibt es noch weitere Techniken auf euren jeweiligen Instrumenten zu entdecken? Wie lassen sie sich weiterentwickeln?

Otomo: Ja, die gibt es. In den letzten 15 Jahren habe ich mich hauptsächlich mit neuen Spielmöglichkeiten auf der Gitarre beschäftigt. Ich versuche auch, neue Wege im Umgang mit den Turntables zu finden, ohne dabei Schallplatten zu verwenden. Klanginstallationen sind eine weitere Möglichkeit. Ich reise derzeit auch viel in andere asiatische Länder; speziell nach Südostasien. Das ist im Vergleich zu meiner eigenen Herkunft ein völlig anderer Kontext.

Es ist für mich nicht immer leicht, Instrumente zu finden, mit denen ich arbeiten kann; deshalb muss ich immer wieder neu darüber nachdenken, wie ich unter den gegebenen Umständen Musik mache. Also ja – es ist notwendig für mich, neue Wege zu finden.

Erwan: Es ist immer noch möglich, neue Techniken zu entwickeln. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das das Wichtigste ist. Für mich ist es wichtiger, die Musik zu finden, bei der ich diese Techniken einsetzen kann. Denn ein neuer Klang ist nur ein Klang, wenn es keine Überlegungen dazu gibt, wie man ihn einsetzen kann.

Mats: Hattet ihr jemals Unterricht auf euren Instrumenten?

Otomo: Mein Lehrer war Masayuki Takayanagi – speziell auf der Gitarre; aber die meiste Zeit hatte ich keine Lehrer.

Ewan: Als ich begann, Dudelsack zu spielen, gab es in Musikschulen oder Konservatorien noch keinen Unterricht auf diesem Instrument. Ich habe also bei Amateurmusikern und –Lehrern gelernt. Danach habe ich begonnen, mit anderen Musikern wie Jean-Luc Cappozzo, Beñat Achiary oder Arfi zusammen zu spielen und so die zeitgenössischen Praktiken entdeckt. Sie sind auch meine „Lehrer“.

Mats: Welche Art von Musik hat euch am meisten dazu inspiriert, dahin zu kommen, wo ihr jetzt seid?

Otomo: Kayoukyoku – das ist die japanische Popmusik der 60er und 70er Jahre; Improvisation und Free Jazz. Aber auch die Musik von Toru Takemitsu und Duke Ellington.

Erwan: Bei mir waren es freie Improvisation, zeitgenössische und traditionelle Musik. Als ich noch traditionelle Musik spielte, habe ich bei einer Band mitgemacht, die auf eine Jazz Bigband  getroffen war – la Marmite Infernal, von ARFI. Das war für mich die erste Begegnung mit der Improvisation. Ich habe mich damals in einer seltsamen Situation befunden, weil ich nie zuvor improvisiert hatte – aber es war dann ganz einfach und einleuchtend…

Mats: Welcher Komponist hat euch am meisten inspiriert?

Erwan: Als ich mich dafür entschied, Neue Musik für Dudelsack zu entwickeln, habe ich beschlossen, einen Kompositionsauftrag zu erteilen. Damals gab es ein Stück, das für meine Entscheidung sehr wichtig werden sollte – das war 280 mesures pour clarinette von Georges Aperghis: Klang, Form, Organisation der Musik… ein großartiges Stück!


Mats: Seht ihr eine neue Generation heranwachsen? Die an denselben Instrumenten arbeitet, wie ihr und musikalisch in die gleiche Richtung geht? Oder ganz neue Wege einschlägt? Gibt es so etwas wie eine nächste Generation?

Otomo: Ich weiß eigentlich nichts von einer neuen Generation von Turntable-Spielern. Aber es gibt viele interessante Künstler der jüngeren Generation, wie beispielsweise Tetsuya Umeda oder Yuko Mori. Das sind keine traditionellen Musiker und auch keine Klangkünstler, aber für mich sind sie echte Musiker – und sie schaffen etwas ganz Neues.

Erwan: Es gibt heute eine neue Generation von Dudelsackspielern, mit vielen sehr guten Musikern. Der Unterricht ist heute ganz anders. Es gibt professionelle Lehrer, die sehr kompetent sind. Aber sie kommen alle von der traditionellen Musik her oder kombinieren sie mit Rock – sie befassen sich nicht wirklich mit zeitgenössischer Musik.

Mats: Wenn es um niedergeschriebene zeitgenössische Musik geht, gibt es da eine Generation an Komponisten, die ihr besonders interessant oder inspirierend findet?

Otomo: Ich verstehe immer noch nicht… was ist „zeitgenössische Musik“? Ich lebe einfach mit der Musik. Und ich stelle Kontakt zu der Art von Musik her, die mich interessiert. Ich mache mich nach ihr auf die Suche.

Erwan: Eigentlich nicht eine ganze Generation und nicht wirklich ein Komponist; aber ich liebe die Musik von Philippe Leroux auf Grund der Art, wie er denkt; oder Wolfgang Mitterer, wegen seiner Kraft und Stärke; oder Susumu Yoshida, für seine Geduld…

Mats: Habt ihr eine Zukunftsvision in Bezug auf zeitgenössische Musik und wie die aussehen könnte? Auf gesellschaftlicher Ebene und ästhetisch?

Otomo: Ja, aber es ist besser, das nicht aus der Perspektive eines Musikers zu erklären. Es geht da immer um Improvisation.

Mats: Die Improvisation war schon immer ein wichtiges Werkzeug beim Komponieren. Möglicherweise hat die meiste Musik ihre Wurzeln in der Improvisation. Wie kann freie Improvisation zeitgenössische Komponisten dazu inspirieren, neue Wege und Richtungen einzuschlagen?

Otomo: Mich interessiert es nicht, gedankliche Grenzen zwischen Komposition und Improvisation zu ziehen. Natürlich ist Improvisation sehr wichtig, vor allem in der europäischen Musikgeschichte. Aber ich komme nicht allein aus der europäischen Musikgeschichte – ich muss auch an meine eigene musikalische Herkunft und Geschichte denken.

Erwan: Beim Stichwort Improvisation stellen wir uns eine Art Musik vor, die nicht niedergeschrieben werden kann; und da wird das Zusammenspiel sehr wichtig. Ich denke, Komponisten und Improvisatoren werden künftig immer enger zusammenarbeiten müssen.

Mats: Habt ihr das Gefühl, dass künftige Generationen von zeitgenössischen Komponisten ebenso wie ihre Interpreten sich mehr mit freier Improvisation werden befassen müssen? Wird freie Improvisation eine noch wichtigere Rolle in der zeitgenössischen Musik der Zukunft spielen?

Otomo: Was mich betrifft, brauche ich die Grenzen zwischen den Kategorien nicht. Ich sage einfach: die Menschen brauchen Improvisation. Aber auch das Komponieren ist eine gute Sache.

Mats: Habt ihr in der Vergangenheit viel mit klassischen Musikern zusammengearbeitet? Wie seht ihr das – würde das für euch funktionieren: eure Musik mit der Musik und der Ästhetik eines klassischen zeitgenössischen Ensembles zu kombinieren?

Erwan: Nach „Urban Pipes” habe ich beschlossen, auf diese Weise weiterzuarbeiten und mich bei zeitgenössischen Komponisten bemerkbar zu machen. Mittlerweile habe ich elf Solostücke in Auftrag gegeben und uraufgeführt; vier Werke mit Sängern (Sopran und Bariton) und ein Stück für vier traditionelle Instrumente. Beim letzten Werk von Bernard Cavanna für Dudelsack-Solo habe ich das erste Mal meine Improvisation mit dem Denkansatz eines Komponisten kombiniert. Das war eine äußerst interessante Spielsituation.

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